Über den Zusammenhang zwischen Kultur und Kulturtechniken

 

Die Entfaltung der gesellschaftlichen Kommunikationskultur war von Anfang an an die Entwicklung von Techniken gekoppelt, es besteht ein enger Zusammenhang zwischen Denken und "Kulturtechniken":

"Ohne Kerbholz, Abakus, Papier und Bleistift oder Rechenmaschinen kann der Mensch nicht rechnen. Die Fähigkeit zum Kopfrechnen ist bei den meisten von uns auf Aufgaben beschränkt, bei denen wir uns nicht mehr als zwei bis drei Zwischenergebnisse merken müssen. Und auch diesem Lernschritt ging der sinnliche Umgang mit Fingern, Kugeln oder Zeichen voraus, nicht nur in der Schule, sondern in der Geschichte der Mathematik insgesamt. Insofern kann man sagen, dass die kulturelle Evolution unserer geistigen Fähigkeiten im Wesentlichen eine Evolution der Ausdrucksmittel ist."

Das zentrale Argument liegt in der Überlegung, dass komplexe kognitive Operationen an die Auslagerung von Gedächtnisleistungen und an ihre Repräsentation in einem Medium gebunden sind.

Die Übertragung dieses Gedankens auf die Schrift ist naheliegend, zumal in Untersuchungen zur Bedeutung der "Schrift-Kultur" selbst-verständlich davon ausgegangen wird, daß die Entwicklung von Geschichtsbewusstsein, Logik, Wissenschaft usw. an die Entwicklung externer Speichermedien gekoppelt war. Ein Beispiel hierfür wäre die Kopplung von historischem Bewusstsein an die Existenz historischer Literatur: "Einst konnte die Tradition unauffällig an die Erfordernisse der Gegenwart angepasst werden; jetzt stießen viele Individuen in den schriftlichen Aufzeichnungen, in denen ein Großteil des kulturellen Erbes dauerhafte Form erhalten hatte, auf so viele Widersprüche in den überlieferten Überzeugungen und Verstehenskategorien, dass sie zu einer sehr viel bewussteren, einer vergleichenden und kritischen Einstellung zum anerkannten Weltbild (...) und der Vergangenheit gezwungen waren."

Auch hier handelt es sich darum, "den schwachen individuellen menschlichen Gedächtnisleistungen durch Vermittlung eines intersubjektiv zugänglichen Speichermediums" aufzuhelfen.

Wichtig ist, dass die kulturellen Auswirkungen von Rechen- und Schreibtechniken nur zu erfassen sind, wenn man sich konkret sowohl auf die Art der verwendeten Zeichensysteme als auch auf die Materialität der Speicherverfahren einlässt.

So wie das jeweils verwendete Zahlensystem von ausschlaggebender Bedeutung für die Entwicklung von Rechenverfahren war, so tiefgreifend sind die kulturellen Auswirkungen der verwendeten Schriftsysteme. Es ist kaum nachzuvollziehen, welches Umdenken es erforderte, Zeichen für an sich bedeutungslose Laute einzuführen, anstatt die Objekte und Vorgänge in unserer Umwelt durch Einzelzeichen zu symbolisieren. Dieser Übergang von Bilderschriften zum phonetischen Prinzip hat Auswirkungen bis ins Computerzeitalter hinein: Das alphabetische System ist - im Gegensatz zu piktographischen Systemen - eine hervorragende Grundlage, um alle sprachlichen Äußerungen in Ja- oder Nein-Entscheidungen umzusetzen, wie es der Computer und zuvor schon der Morseapparat erforderte.

Wie wichtig die Aufzeichnungs- und Speichertechnik für den Status von Bildern ist, zeigt sich nicht erst an der digitalen Bildbearbeitung, sondern bereits an der Fotografie.

 

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