Historische Kompetenz und Geschichtsbewusstsein

Historische Kompetenz und Geschichtsbewusstsein

"Jedes Vergessen würde uns in eine gesellschaftliche Demenz führen"

Lernen, mit Zeitstrukturen umzugehen

Historische Kompetenzentwicklung wird hier verstanden als ein Prozess, in dem in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit  ein Bewusstsein von der „Gewordenheit“ der Gegenwart durch menschliches Handeln entwickelt wird (Geschichtsbewusstsein) , das einschließt, dass es die Möglichkeit zur Veränderung gegenwärtiger Verhältnisse durch menschliches Handeln gibt (Utopie).

Historische Kompetenz kann nur lernend entwickelt werden, auf der Grundlage individueller und kollektiver (Geschichtskultur) Erinnerung.

"Die Menschen müssen gerade bei beschleunigtem technologischem Wachstum, bei schneller Umwertung und Entwertung der Dinge so etwas wie eine geschichtliche Kompetenz erwerben, die Fähigkeit, mit Zeitstrukturen, mit der Zeit in vielfacher Hinsicht umzugehen." (1)

„Historische Kompetenz bedeutet die Konstruktion und Aneignung historischen Bewusstseins im Zusammenhang mit individuellen wie kollektiven Bedürfnissen und In

teressen. Es geht dabei um die Herstellung einer Tradition der Unterdrückten. Sie arbeitet heraus, welche historischen Brüche und Versuche radikaler Veränderung es in Gesellschaften gegeben hat; wo und aus welchen Gründen sie gelungen und wo sie gescheitert sind.

Gleichzeitig soll über historische Kompetenz ein eigenständiges politisches Bewusstsein und eine begründete Urteilsfähigkeit entwickelt werden.“ (2)

Die gegenwartsbezogene Auseinandersetzung mit den Quellen der Geschichte muss Medien zwangsläufig mit einbeziehen und die Frage nach der Wahrnehmungskompetenz ist die Frage nach der Entwicklung eines Medialitätsbewusstseins.


(1) Oskar Negt: Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform, Göttingen 20112, S. 232

(2) SOCRATES-PROGRAMM: PROJEKTE ZUR LÄNDERÜBERGREIFENDEN ZUSAMMENARBEIT - Grundtvig 1. Politische Partizipation durch gesellschaftliche Kompetenz: Curriculumentwicklung für die politische Grundbildung. Historische Kompetenz, Flensburg 2005, S. 23



Geschichtsbewusstsein

"Inbegriff all der Tätigkeiten des menschlichen Bewußtseins, in denen Vergangenheit gedeutet wird, um Gegenwart zu verstehen und Zukunft zu erwarten."
(Jörn Rüsen)

Dimensionen des Geschichtsbwewusstseins: Zeit - Lebenspraxis - Umwelt

Die Entwicklung eines Geschichtsbewusstsein spricht die Faktoren des Lernens an, die ihr Spezifikum des 'Historischen' ausmachen, und zwar in zwei Hinsichten:

„Einmal geht es darum die subjektive Seite in den Blick zu bringen, die alles Lehren und Lernen von Geschichte hat, insofern in ihm ja nicht einfach objektive Wissensinhalte transportiert oder 'vermittelt' werden, sondern immer zugleich ganz bestimmte Prozesse der Individuation (psychologische Reifung, Wandlung und Differenzierung - Entwicklung einer individuellen Persönlichkeitsstruktur) und Sozialisation (Einordnung des einzelnen in die Gemeinschaft) erfolgen, in denen sich historisches Selbstverständnis der betroffenen Subjekte, ihre historische Identität, durch selektive, normativ gesteuerte Aneignung geschichtlicher Erfahrungen, ausbildet.

Zugleich geht es darum, organisiertes (zumeist: schulisches) Lehren und Lernen von Geschichte auf der Folie der menschlichen Lebenspraxis erscheinen zu lassen, d. h. seine Bedingtheit durch und Angewiesenheit und Zielgerichtetheit auf die nicht-organisierte historische Erinnerung zu erkennen, die im kulturellen oder mentalen Haushalt eines Individuums oder einer Gesellschaft eine wichtige Rolle spielt.“ (J. Rüsen, S. 250)

 

Historisches Lernen

Jörn Rüsen hat 'Historisches Lernen' als einen „fundamentalen und elementaren Prozess der menschlichen Lebenspraxis“ identifiziert und als einen kommunikativen Akt von Sinnbildung über Zeiterfahrung“ beschrieben. Gegenstand des historischen Lernens ist die Entwicklung von Geschichtsbewusstsein als "Inbegriff all der Tätigkeiten des menschlichen Bewusstseins, in denen Vergangenheit gedeutet wird, um Gegenwart zu verstehen und Zukunft zu erwarten."

Historisches Lernen schließt also die Beschäftigung mit der Vergangenheit ebenso ein wie die Beschäftigung mit der Zukunft. Historisches Lernen widmet sich den Fragen von Kontinuität und Veränderung, dem Geworden-Sein der Gegenwart und den Möglichkeiten der Veränderung dieser Gegenwart. Negt bezeichnet letzteres als „Utopiefähigkeit“.

 „Historische Fähigkeit in dem Sinne, dass in der Tat Gegenwart als Schnittpunkt von Vergangenheit und Zukunft gesehen wird. Wer kein Bewusstsein der Vergangenheit hat, hat auch kein Zukunftsbewusstsein. […] Die Fixierung der Menschen auf das Gegenwärtige ist ein Mittel von Herrschaft. Die Reduktion des Bewusstseins und Verhaltens auf einen funktionalen Zusammenhang, der Aktualität, ist Ursprung dafür, dass sich das utopische Bewusstsein nicht kollektiv veräußert, sondern verkapselt“ [1]

[1] Oskar Negt:  „Phantasie, Arbeit, Lernen und Erfahrung – Zur Differenzierung und Erweiterung der Konzeption‚ Soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen’.“ [1986] In: Arbeit und Politik. Mitteilungsblätter der Akademie für Arbeit und Politik an der Universität Bremen. 4/5 (1991/92 Nr. 8 - 10). S. 32 – 44. [Abschrift der Tonbandaufzeichnung eines Referats, das Oskar Negt auf dem internationalen Symposium „Arbeit und Bildung – Emanzipation durch Lernen und Phantasie“ im 1986 in Linz, Österreich, gehalten hat]., S. 39/40

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Digitaler Wandel und Geschichtsdidaktik

Am 27. September 2013 hat sich in Göttingen während der dortigen Zweijahrestagung der Konferenz für Geschichtsdidaktik der Arbeitskreis dWGd (Digitaler Wandelund Geschichtsdidaktik) konstituiert. Die Gründungsmitglieder haben für die Geschichtsdidaktik „zwei Herausforderungen“ skizziert: „Erstens gilt es, Bedingungen geschichtsbezogenen Denkens und Lernens im digitalen Wandel zu reflektieren, dabei sowohl Nutzen als auch neue Problemlagen zu analysieren. Zweitens muss die Fachdisziplin auf die neuen diskursiven Möglichkeiten des Web2.0 reagieren, die auch einen verstärkten Austausch zwischen der Fachdisziplin und den Praktikern – den Geschichtslehrer/innen und Akteuren in der historisch-politischen Bildung – ermöglicht.“

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