1. Niedersächsische Tage der Medienpädagogik 1993

Medien: Warner oder Angstmacher?

"Wenn in der letzten Zeit über Medien ge­sprochen wird, steht wieder einmal das Thema "Medien und Gewaltdarstel­lungen" im Mittelpunkt der Diskussion. Anlass hierzu ist die zunehmende" Grau­samkeit der Bilder" und die" Lust auf Ge­walt", wie sie sich in den Einschaltquoten niederschlägt.

Diese Diskussion ist unzweifelhaft wichtig, denn letztlich geht es um den ge­sellschaftlichen Konsens über Wertvor­stellungen. Medienpädagogisch greift die­se Diskussion jedoch zu kurz, wenn sie ei­nen unmittelbaren Zusammenhang zwi­schen medialer Gewaltdarstellung und Erscheinungsformen der Gewalt in der Gesellschaft unterstellt. Medien wirken vermittelter, unter Umständen aber nach­haltiger auf das gesellschaftliche Klima ein, indem sie unser Lebensgefühl, unsere Einstellung zur Zukunft und unser Problembewusstsein beeinflussen.

Der kanadische Medienphilosoph McLuhan erwartete, dass durch die die Ver­breitung des Fernsehens die Welt wieder zum Dorf werde. Am Bildschirm könne man -so wie früher auf dem Dorfplatz ­zum Augen-und Ohrenzeugen aller wich­tigen Ereignisse werden. Wer von dem globalen Dorf eine neue Überschau­barkeit und Unmittelbarkeit erwartet, hat sich getäuscht. Heute wissen wir, dass wir auf dem elektronischen Dorfplatz die weltweite Turbulenzen der Risikoge­sellschaft miterleben. Das Ausmaß indivi­dueller und gesellschaftlicher Verun­sicherung hat Auswirkung auf das Angst­potenzial und die Bereitschaft zur bzw. Akzeptanz von Gewalt.

Medien sind nicht nur Teil der uns um­gebenden Wirklichkeit, Medien konstruie­ren Wirklichkeit für uns. Sie setzen The­men auf die "Tagesordnung", sie bestim­men entscheidend, wie Probleme wahrge­nommen werden und worüber gespro­chen wird.

Viele Phänomene, die uns beschäfti­gen, sind den meisten von uns erst durch die Medien als Probleme bewusst gewor­den. Beispiele hierfür sind die Aidskam­pagnen oder die Auseinandersetzung mit der Asylproblematik sowie mit dem Fremdenhass und der Gewalt. Ohne die Medien würden diese Themen uns kaum in dieser Form beschäftigen, da wir in un­serem Alltag zumeist keine unmittelbare Berührung mit diesen Themen haben. Dasselbe gilt im Prinzip auch für viele Um­weltthemen, vom Ozonloch bis zu Tscher­nobyl.

Medien begnügen sich nicht, be­stimmte Themen anzubieten. Sie verstär­ken Tendenzen und beeinflussen die "Stimmungslage der Nation", aber auch unsere individuelle Befindlichkeit.

Diese Abhängigkeit von den Medien ist unausweichlich. In einer komplexen Industriegesellschaft mit ihren weltweiten Verflechtungen reichen die unmittelbaren Erfahrungen nicht mehr aus, um uns ein Bild von dieser Welt zu machen. Wir sind - ob wir es wollen oder nicht - auf medi­envermittelte Wirklichkeit angewiesen.

Daher erscheint es notwendig und sinnvoll, sich auf dieser Tagung damit auseinanderzusetzen, wie Wirklichkeit in den Medien konstruiert und inszeniert wird, und nachzufragen, welche Rolle die Medien bei der Definition der Probleme spielen, die uns beschäftigen."[1]



[1] Programmflyer zu dn 1. Niedersächsischen Tagen der Medienpädagogik, Hannover - Oktober 1993

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