Die Bilder - Plädoyer gegen die Grausamkeit?

Plädoyer gegen die Grausamkeit?

1.1 "Die Geier und das Kind" ("Tears of a child")

Das Foto, für das Kevin Carter ausgezeichnet wurde und Informationen zur Person unter: http://en.wikipedia.org/wiki/Kevin_Carter

1.2 Fragen, die kein Bild beantwortet

  • Wer ist dieses Kind?
  • Warum muß dieses Kind an Hunger und Erschöpfung sterben?
  • Was ist aus den Menschen geworden, die dem Kind die Halskette geschenkt haben?
  • Gibt es da niemanden, der dem Kind hilft?
  • Sterben auf dieser Strecke so viele Kinder, daß es sich für den Geier lohnt zu warten?
  • Wer hat dieses Kind fotografiert?
  • Was hat er/sie dabei gefühlt?
  • Was hat er/sie mit dem Bild beabsichtigt?
  • Wieso hat er/sie fotografiert und nicht geholfen?
  • Warum wird dieses Bild mit einem der angesehensten Journalistenpreise ausgezeichnet?*
  • Wie reagieren ich auf dieses Bild?
  • Hätte ich auch auf den Auslöser gedrückt?
  • Was hätte ich in dieser Situation getan?

*Pulitzerpreise: von J. Pulitzer, einem Verleger, der als Schöpfer der modernen amerikanischen Tagespresse gilt, gestiftet. Die Preise werden für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet des Journalismus (acht Preise), der Literatur (fünf Preise) und der Musik (ein Preis) seit 1917 von einem Preiskomitee in Zusammenarbeit mit der Columbia University verliehen.

 

1.3 Der Fotograf und sein Motiv

Ungefähr 300 Meter von dem Zentrum in Ayod entfernt stieß ich auf ein ganz kleines Mädchen. Am Rande der Erschöpfung versuchte es, das Hilfszentrum zu erreichen. Das Mädchen war so schwach, daß es nicht mehr als ein oder zwei Schritte auf einmal machen konnte. Danach fiel es immer wieder auf ihr Gesäß. Verzweifelt versuchte es ihren Kopf mit ihren ausgemergelten Händen vor der brennenden Sonne zu schützen. Dann richtete es sich mühsam zu einem neuen Versuch auf und stöhnte dabei leise mit einer schwachen hohen Stimme. Aufgewühlt verschanzte ich mich wieder einmal hinter der Mechanik meiner Arbeit und fotografierte ihre schmerzvollen Bewegungen. Plötzlich kippte die Kleine vornüber und fiel mit dem Gesicht in den Staub. Da mein Gesichtsfeld durch das Teleobjektiv begrenzt war, bemerkte ich die anfliegenden Geier erst, als sich einer von ihnen so setzte, daß er in meinem Sucher auftauchte. Ich habe auf den Auslöser gedrückt und dann den Vogel mit einem Fußtritt davongejagt. Ein Schrei stieg in mir auf. Die ein oder zwei Kilometer bis zum Dorf mußte ich an einem Stück durchlaufen. Dann brach ich in Tränen aus.

Kevin Carter über die Situation bei der Aufnahme seiner preisgekrönten Bildes "Das kleine Mädchen von Ayod" - übersetzt nach: Edgar Roskis, Images et vautours. A propos d'un prix Pulitzer de photographie, in: Le Monde Diplomatique, August 1994, S. 32

 

1.4 Rücksicht auf die Sensibilität der Zeitungsleser?

"Carters Bild wurde von New York Times veröffentlicht (26. März 1993) und brachte ihm den Pulitzer 1994 ein. Das Bild war jedoch so brutal, daß der Herausgeber der Times, mit Rücksicht auf die Sensibilität der Leser, eine Anmerkung zum Schicksal des Mädchens veröffentlichte: 'Herr Carter berichtete, daß das Mädchen seinen Weg zur Hilfsstation fortsetzen konnte (und) er den Geier verjagte.'"

Dies klingt nach Wunschdenken, und tatsächlich enthält ein Artikel im Guardian keinerlei Hinweise auf eine solche Einmischung. Carter half dem Kind nicht, weil es, wie er sagte, Tausende von ihnen gab. Im Beitrag des Guardians wurde im Zusammenhang mit Carters Selbstmord* folgende Beobachtung angestellt: "Augenzeugenberichte über massenhaftes Leid können sich auf den Berichterstatter selbst destruktiv auswirken."
John Taylor: Body Horror. Photojournalism, Castrophe and War, New York 1998, S.135

*Kevin Carter beging ca. ein Jahr nach dieser Aufnahme in Südafrika Selbstmord.

 

1.5 Bilder legen Zeugnis ab

Angesichts von Unterdrückung und Machtmißbrauch ist nichts schlimmer als ausbleibende Nachforschungen und fehlende Zeugen. Gegen die Grausamkeit ist jedes Bild besser als überhaupt kein Bild, gleichgültig, wie mehrdeutig das Bild ist, welches die Motive seines Autors sind, welche Rolle Engagement, Faszination oder Routine dabei spielten. Wer hätte sich letztlich über das Schicksal der halben Million Sudanesen am Rande des Todes, die Hungersnöte in Eritrea oder die Belagerten von Sarajevo Gedanken gemacht, ohne die Aktionen der Reporter und den visuellen Schock ihrer Berichte?
(Edgar Roskis, Images et vautours. A propos d'un prix Pulitzer de photographie, in: Le Monde Diplomatique, August 1994, S.32)

Fotos sind einprägsamer als bewegliche Bilder: "Ich sehe die große Chance der Fotografie darin, daß sie ein Gefühl für Humanität zu wecken vermag." (Magnum*-Fotograf James Nachtwey, in: Krieg und Frieden. Die Pressefotos des Jahres, Foto-Magazin 5/94, S. 32 *Magnum: eine der bekanntesten internationalen Fotoagenturen

 

1.6 World Press Photo - Der Oscar der Fotografen

World Press Photo hat den Ruf, daß immer das grausamste Bild gewinnt. War das ein Thema für die Jury?

Stephenson: Für mich war World Press gleichbedeutend mit Kriegsbilder, gewalttätig und blutig. Aber das hat sich geändert, es hat eine andere Richtung genommen.

Biondi: Das war ein Thema in der Jury. Wir waren uns des Rufs bewußt. Aber es ist natürlich so: bei etwas Spektakulärem, da sieht man schneller hin. Etwas Ruhiges und Alltägliches ist schwieriger, es erregt weniger Aufmerksamkeit. Aber ich glaube, wir haben nicht die grausamsten Bilder ausgezeichnet, obwohl es die Bilder gab, in denen das Blut nur so spritzte. Vielleicht gerade weil in diesem Jahr so viele grausame Bilder aus Jugoslawien zu sehen waren. Da nimmt das schon etwas Alltägliches an. Ich dachte mir an jedem Abend von der Jury, wieviel Tote ich wieder gesehen habe. Aber ein blutiger Kopf ist nicht ausreichend. Ein Bild muß schon eine Aussage damit verbinden. (Interview mit den Jurymitlgiedern Michelle Stephenson, Time Magazine ,und Elisabeth Biondi, Stern - Aus: Color Foto 5/94, S. 24 f)

 

Ein Preis für den Schock

Die Frage, wie mit der Darstellung von Gewalt in den Medien umgegangen wird, läßt sich an Vergabe von Pulitzer Preisen bzw. der Auszeichnung von World Press Photo diskutieren.

Die Bilder der Gewinner des Pulitzerpreises in den Kategorien "Spot News Photography" und "Feature Photography" findet man ab 1995 im Internet unter der Adresse: http://www.pulitzer.org/awards/1994

Von im Wettbewerb "World Press Photo" prämierte Fotografien findet man über Suchmaschinen , empfehlenswert http://www.metager.de , mit der Stichworteingabe "World Press Photo".

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