Medientechnische Entwicklung und Fortschritt

Die "Organmetapher" legt es nahe, in der medientechnischen Entwicklung die Fortsetzung der Evolution zu sehen und somit die technische Entwicklung uneingeschränkt mit Fortschritt gleichzusetzen. Notwendig ist jedoch eine differenzierte "Gewinn- und Verlustrechnung".

Geradezu exemplarisch lässt sich dies an dem "Mittel" verdeutlichen, dass das fehlende Sinnesorgan für Erdmagnetismus ersetzt. Ohne den Kompass als Hilfsmittel war man auf die genaue Beobachtung der Natur angewiesen, orientierte man sich auf See an Strömungen, vorherrschenden Windrichtungen, Vogelflug usw. - war aber in seinen Bewegungsmöglichkeiten eingeschränkt. Die Erweiterung des Aktionsradius wurde mit einer Abhängigkeit vom Kompass und der später mit ihm "vernetzten" künstlichen Orientierungsmittel erkauft. Heute sind z. B. Piloten auf Monitore und Displays angewiesen, auf denen nicht nur Daten, sondern bereits Ergebnisse erscheinen.

Alle technischen Medien heben die räumliche, zeitliche und sensorische Begrenzung der natürlichen Wahrnehmungs- und Kommunikationsfähigkeit auf und entwerten gleichzeitig frühere Formen der Wahrnehmung und Welterfahrung. Wie kompliziert eine "Gewinn- und Verlustrechnung" ausfällt, lässt sich an Überlegungen zum Buchdruck verdeutlichen.

Der Buchdruck mit beweglichen Lettern - lange vor Gutenberg erfunden - löste in Korea und China keine kulturelle Revolution aus, sondern diente zur "Konservierung" der gesellschaftlichen Verhältnisse, weil der Buchdruck eingebettet in einen anderen religiösen und weltanschaulichen Kontext, zur unveränderten Vervielfältigung von Texten mit dogmatischer Gültigkeit benutzt wurde. In Europa entfaltete die Erfindung des Buchdrucks ihre "revolutionäre Wirkung", weil sie in einen völlig anderen kulturellen Kontext stand.

Vor der Erfindung des Buchdrucks bestand die berühmte Vatikanische Bibliothek aus einigen hundert großformatigen Folianten. Diese Folianten waren so schwer, dass jeder auf einem eigenen Lesepult lag, und sie waren so kostbar, dass sie an den Lesepulten angekettet wurden.

Venezianische Drucker waren die ersten, die erkannten, dass gedruckte Bücher nicht kostbare Handschriften nachahmen mussten. Bücher konnten billig und tragbar werden. Sie wählten das Format für die Bücher so, dass die Bücher genau in die venezianischen Satteltaschen passten. Dieses Format hat sich bis heute im Buchdruck erhalten.

Damit diese Formatveränderung aber erfolgreich und folgenreich werden konnte, musste sich noch mehr in der Gesellschaft verändern. Sollten nicht nur die "antiken Klassiker" zukünftig in der Satteltasche mitgeführt werden, mussten auch andere "Wissensbestände" transportabel werden.

Da Bücher nicht nur Texte enthalten, sondern auch Abbildungen, konnte technisch-handwerkliches Wissen über maßstabgetreue Modellzeichnungen vermittelt werden, die den Nachbau von Maschinen und Geräten ermöglichten. Eine Voraussetzung für derartige Modellzeichnungen war die Entdeckung der Zentralperspektive in der Renaissance und damit verbunden die Entwicklung der darstellenden Geometrie. Technische Zeichnungen machten Wissen extern, d. h. personenunabhängig, speicher- und transportierbar. Gegen diese Bedrohung ihres Informationsmonopols wehrten sich die Zunftmeister, wie wir wissen, vergeblich.

Andererseits brachten Jesuiten im 16. Jahrhundert Bücher mit technischen Zeichnungen nach China. In der chinesischen Kultur bestand jedoch kein Interesse an derartigen Verfahren zur personen- und kontextunabhängigen Informationsvermittlung. So tauchen in zeitgenössischen chinesischen Büchern zwar die Maschinen und Gegenstände aus den europäischen Büchern auf, aber ohne dabei die technischen Darstellungsformen zu übernehmen. Perspektivisches Zeichnen und die Anfertigung von Modellzeichnungen setzt demnach nicht nur technische Fertigkeiten, sondern auch ein kulturell definiertes Interesse voraus.

Ein anderes Gebiet, in dem ein Paradigmenwechsel Wissen transportabel machte, war die Medizin. In der Medizin des Mittelalters spielten der Geruch und Geschmack, Farbe und Konsistenz von Dingen eine wichtige Rolle. Das über diese Sinneserfahrung gewonnene Wissen konnte aber nur über ein unmittelbares Meister-Schüler-Verhältnis vermittelt werden, denn Gerüche sind z. B. nur im Verhältnis zu anderen Gerüchen und nicht für sich definierbar.

Für die neuzeitliche Welterfahrung wurde dagegen das Auge zum dominierenden Sinnesorgan. Die klassische Formulierung hierfür findet sich bei Galilei: "Ich glaube nicht, dass in äußeren Körpern irgendetwas existiert, das Geschmack, Gerüche, Geräusche und so fort erregt, nur Größe, Form, Menge und Bewegung."

Damit wurden bestimmte Formen der Welterfahrung aus dem offiziellen Wissenschaftsbetrieb ausgegrenzt. In diesem Prozess der Neubewertung der Sinne spielt das Buch, mit seinen Möglichkeiten, sprachliche und visuelle Informationen zu transportieren, eine exponierte Rolle. In seiner Dominanz als Informationsträger spiegelt sich die Entsinnlichung des technisch-wissenschaftlichen Weltbildes. Heute kann man die Versuche beobachten, das aus dem offiziellen Informationssystem abgedrängte Erfahrungswissen zu rekonstruieren und zu retten. Festzuhalten wäre, dass sich im Zusammenspiel von gesellschaftlichem Wandel und medientechnischer Entwicklung Wahrnehmungsformen grundlegend verändern.

Wer kompetent mit Medien umgehen will, muss sich demnach immer die Frage stellen, welche Informationen er über ein Medium bzw. das Mediensystem, nicht erhält, weil sie aus "technisch- prinzipiellen oder gesellschaftlichen Gründen" nicht speicher- bzw. transportierbar sind.

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