Mediengeschichte als Element der Medienbildung

Die Medienentwicklung führt nicht zur Verdrängung, sondern zur Ausdifferenzierung von Kommunikations- und Informationsmöglichkeiten

In der Mediendebatte stößt man immer wieder auf Verdrängungsszenarien: das Telefon verdrängt den Brief, das Fernsehen verdrängt das Buch usw., obwohl historisch nicht von Verdrängung, sondern von Ausdifferenzierung der Mediennutzung gesprochen werden muss.

Durch die technische Entwicklung wurde uns eine Vielzahl ausdifferenzierter Kommunikations- und Informationsangebote zur Verfügung gestellt. Die medientechnische Entwicklung hat die natürlichen Grenzen unserer Wahrnehmungs- und Kommunikationsmöglichkeiten aufgehoben. Diese Entwicklung lässt potentiell eine ungeahnte Erweiterung unserer Ausdrucksmöglichkeiten, unseres Erfahrungs- und Kommunikationshorizonts zu. Doch diese Möglichkeiten werden nur von wenigen kreativ und kompetent genutzt. Das Mehr an Information und Kommunikation führt eher zu einem Mehr des Immergleichen.

Sicherlich gibt es in unserer Gesellschaft Personen und Personengruppen, die so stark unter existentiellem und sozialem Druck stehen, dass sie keinen Spielraum für einen produktiven und kreativen Umgang mit den kommunikativen und kulturellen Möglichkeiten haben, die sich auch und gerade über die Nutzung der Medien bieten. Aber auch die Bevölkerungsgruppen, die nicht über existentielle Zwänge festgelegt werden, nutzen die kulturellen Möglichkeiten der Medienvielfalt kaum aus.

Statt sich den Medien über die Suche nach Verlusten und Defiziten zu nähern, eröffnet der Blick auf die produktive Differenz zwischen den Medien medienpädagogische Handlungsspielräume.

Ziel der Medienpädagogik muss es sein, medienübergreifend Kenntnisse und Fähigkeiten, Fertigkeiten und Einstellungen zu vermitteln, die zum selbstbestimmten Leben in einer durch technische Kommunikation geprägten Gesellschaft notwendig sind. Es gilt einen Beitrag zu einem kultivierten, d. h. zu einem die vielfältigen Möglichkeiten zur Information und Kommunikation nutzenden Umgang mit Medien zu leisten.

Schulische Medienbildung hätte somit die die Aufgabe, durch Lernen im "Medienverbund", durch spielerisches Experimentieren und durch das Schaffen von Kommunikationsanlässen

  • zum Vergleich von Medien anzuhalten,
  • medienspezifische Kommunikation in und mit verschiedenen Medien einzuüben,
  • sowie Spaß und Interesse an der kompetenten Nutzung der vielseitigen Kommunikationsformen und Informationsangebote zu wecken.

Ziel der Medienbildung ist ein kultivierter und kompetenter Umgang mit Medien in ihrer Multifunktionalität.

 

"Medienwechsel" als Prozess der produktiven Aneignung und Interpretation

Im weitesten Sinne beschäftigt sich Medienbildung damit, wie sich "Botschaften verändern, wenn sie von einem Medium, einer Mitteilungsform in ein anderes Medium, in eine andere Mitteilungsform umgesetzt werden.
Ob es sich um die Dramatisierung einer Novelle, um das Schreiben einer Ballade oder eines Gedichts auf der Basis einer Zeitungsmeldung, um die Verfilmung eines Romans oder um die Umsetzung einer Tabelle in ein Diagramm handelt, immer handelt es ich bei der Umsetzung von Informationen bzw. eines Themas in ein anderes Medium oder eine andere mediale Ausdrucksform um einen Prozess der aktiven Auseinandersetzung, Interpretation und Aneignung. Dies ist eine so fundamentale didaktische Einsicht, daß es medienpädagogisch nur darauf ankäme, sie konsequent und kompetent umzusetzen. Dafür spricht schon alleine die Effektivität der damit verbundenen Lernprozesse.

Nicht nur konsequent, sondern auch kompetent müsste dieses Prinzip angewandt werden, um Medienkompetenz zu fördern: So wie man selbstverständlich qualitative Ansprüche an den mündlichen Vortrag eines Gedichts formuliert - oder formulieren sollte -, müsste auch eine Wandzeitung, eine Videocollage, eine Hörszene an den Anforderungen und Möglichkeiten des jeweiligen Mediums gemessen werden.

Wer die produktive Differenz zwischen den Medien entdeckt hat, kann kompetent mit den Möglichkeiten einer ausdifferenzierten Medienlandschaft spielen: zum Telefon greifen, einen handschriftlichen Brief absenden, mit einer Ansichtskarte einen Kontakt aufrechterhalten, ein Buch lesen oder in einer Datenbank recherchieren.

Wenn wir zur Wahrnehmung der Welt auf Medien angewiesen sind, dann brauchen wir die Kompetenz, mit Medien kritisch und selbstbestimmt umzugehen. Medienabstinenz oder die Verordnung von Mediendiäten bieten keinen Ausweg. Gefragt wäre der produktive, handelnde Umgang mit Medien.

Zu welchen produktiven Ergebnissen der Blickwechsel von den Defiziten zu den produktiven Differenzen führt, kann an den Unterschieden zwischen dem persönlichen Gespräch und anderen Mitteilungsformen veranschaulicht werden.

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