United International Pictures Vorbemerkung Der nachfolgende Lehrer-Leitfaden wurde in Großbritannien entwickelt und für den Gebrauch an deutschen Schulen lediglich geringfügig gekürzt, nicht aber komplett neu
bearbeitet. Einige Zitate sind aus dem Englischen ins Deutsche zurückübersetzt. Die eingefügten Textpassagen aus dem Film entsprechen im Wortlaut dem Dialogbuch der deutschen Synchronfassung.
"Heute ist ein historischer Tag. Man wird sich an ihn erinnern ... Noch in vielen Jahren werden die Jungen voller Neugier fragen, was an diesem Tag war. Das ist ein historischer Tag, und Sie haben
daran Anteil. Vor rund 600 Jahren hat Kazimir der Große - der sogenannte - den Juden, denen man überall sonst die Schuld an der 'Pest' gegeben hatte, gesagt, sie könnten nach Krakau kommen. Sie
kamen. Sie trudelten mit ihren Habseligkeiten in der Stadt ein und ließen sich nieder. Sie setzten sich fest. Sie hatten Erfolg ... als Händler, Wissenschaftler, Lehrer, Künstler.Sie hatten nichts ... und
blühten auf. Sechshundert Jahre lang hat es ein jüdisches Krakau gegeben. Heute abend werden diese sechshundert Jahre nur noch ein Gerücht sein. Die hat's nie gegeben. Heute ist ein historischer Tag."
Gesprochen werden diese Worte von dem Kommandanten des Konzentrationslagers von Plaszow, Amon Göth, der in der Geschichte von Oskar Schindler eine zentrale Rolle spielte. In der Tat handelt es
sich bei Göth um eine authentische Figur. Lest die Rede nochmals durch. Obgleich diese und andere Textpassagen eigens für den Film geschrieben wurden, stellt sich hier doch die Frage, auf welche Weise sie dem Zuschauer einen
Eindruck davon vermittelt, was mit den Juden geschah und warum sie so und nicht anders von den Nazis behandelt wurden. Der nachfolgende pädagogische Leitfaden wird versuchen, den Hintergrund des Films "SCHINDLERS
LISTE" zu beleuchten, und einige der Probleme aufzeigen, denen Filmemacher gegenüberstehen, wenn sie sich auf der Leinwand mit historischen Fakten auseinandersetzen. Hintergründe
"SCHINDLERS LISTE" schildert nur ein einzelnes Ereignis innerhalb der Geschichte des Holocaust. Wie sollen wir, als Zuschauer, die Informationslücken füllen? Wird von uns erwartet, daß wir die
Hintergründe dessen kennen, was uns auf der Leinwand gezeigt wird? In welchem Maß wird unser Verständnis des Films von unseren ganz persönlichen Haltungen und Standpunkten geprägt?
Um einige der in "SCHINDLERS LISTE" nachgezeichneten Ereignisse verständlich zu machen, lohnt es sich, den Blick auf bestimmte Fakten zu richten. Aufgabe 1:
Lest die folgenden Zitate aufmerksam durch: 1. Zitat Ganz gewiß sehe ich die jüdische Rasse als natürlichen Feind des reinen Menschen und aller ihm
innewohnenden Würde; und ich bin überzeugt davon, daß sie besonders uns Deutsche zerstören wird. 2. Zitat Diese weltweite jüdische Verschwörung, die den Umsturz der Zivilisation zum Ziel hat und die
Wiedereinsetzung einer Gesellschaft auf der Grundlage eines totalen Entwicklungsstillstands, ... ist eine ständig wachsende Gefahr. 3. Zitat
Sollte der Jude ... über die Völker dieser Welt triumphieren, wird seine Krone zugleich der Totenkranz für die gesamte Menschheit sein, und dieser Planet wird wie vor Jahrmillionen seine Bahn durch den
Äther ziehen, ohne daß sich auf seiner Oberfläche menschliches Leben zeigt. Also bin ich überzeugt, daß mein Standpunkt sich mit dem Willen des allmächtigen Schöpfers deckt. Indem ich als Wächter
gegen die Juden aufstehe, schütze ich das Werk des Herrn. Eins dieser vier Zitate stammt aus Hitlers 1925 erschienenem Buch "Mein Kampf". Könnt Ihr Euch
denken, um welche Textstelle es sich handelt? Die anderen Texte entstanden in den Jahren 1543, 1881 und 1920. Könnt ihr die restlichen Zitate in ihre korrekte zeitliche Reihenfolge bringen? Ein Text
erschien übrigens in einer englischen Zeitung. Welcher? (Antworten auf der letzten Seite) Die Tatsache, daß diese vier Zitate einen Zeitraum von fast 400 Jahren umfassen und von der gleichen
Geisteshaltung geprägt sind, macht wohl ganz deutlich, daß Antisemitismus nicht erst mit Hitlers Machtergreifung im Jahr 1933 aufkam. Wenngleich es auch vorher nie den Versuch gegeben hatte, das
gesamte Judentum in Europa systematisch auszurotten. Dazu der Historiker Raul Hilberg: "Seit dem vierten Jahrhundert nach Christus hat es drei Formen anti-jüdischer Politik gegeben:
Bekehrung, Vertreibung und Auslöschung. Die zweite Möglichkeit tauchte als Alternative zur ersten auf, und die dritte ergab sich aus der vorhergehenden."
Weshalb aber existierte dieser Judenhaß über eine derart lange Zeit? Schon vor Christi Geburt wurden Juden entweder bewundert oder gehaßt. Warum wurde gerade diese Religionsgemeinschaft derart
feindselig behandelt und - wie in "SCHINDLERS LISTE" zu sehen - brutal ausgelöscht? Aufgabe 2: Die gesamte Geschichte der Judenverfolgung aufzuarbeiten, wäre für Euch unmöglich.
Um jedoch einige der entsprechenden Mythen zu verstehen, die seit Jahrhunderten im Umlauf sind - und um zu erfahren, wie man im Laufe der Geschichte mit den Juden verfuhr - solltet Ihr versuchen,
etwas über die folgenden Begriffe herauszufinden:
Diese fünf Bereiche, die eine breite Geschichtsperiode abdecken, sollten Euch ein Gefühl dafür vermitteln, daß sich Antisemitismus nicht auf das Deutschland der Jahre 1933-45 begrenzte, sondern
schon viele Jahrhunderte lang in ganz Europa verbreitet war. Es ist nun wichtig, die besondere Situation in Deutschland zu untersuchen, die Hitlers Wunsch, alle Juden zu vernichten, entgegenkam und die
Entwicklung der sogenannten "Endlösung" begünstigte. Die Vorboten des Holocaust Mit Hitlers Machtergreifung begann auch die Verfolgung der Juden. Immer wieder vertrat er die Doktrin
der Judenbeseitigung aus dem arischen Staat des Dritten Reichs. Aber obgleich die Juden von Anfang an verfolgt wurden, scheint es doch nicht gleich beschlossene Sache gewesen zu sein, sie zu vernichten. Aufgabe 3:
Findet alles über die folgenden Begriffe heraus:
Sogar noch bis 1941 war es Juden möglich, Deutschland und das ehemalige Österreich zu verlassen. Viele von ihnen wurden eingesperrt, viele umgebracht, aber es wurde noch nicht versucht, sie planvoll
auszulöschen. Man nimmt heute an, daß Hitler vorhatte, alle Juden Europas in einem äußersten Zipfel von Rußland anzusiedeln, sobald er sich diesen Staat unterworfen hatte.
Dennoch änderte sich mit der Invasion von Rußland 1941 auch die Behandlung der Juden. Von nun an begann der organisierte Mord an den Bewohnern jüdischer Gemeinden in den von Deutschen besetzten Ostgebieten.
Als Polen 1939 eingenommen war, wurde es in zwei Hälften aufgeteilt. In die eine sollten Juden, Zigeuner und "für das Reich ungeeignete Polen" abgeschoben werden. Diese von Heydrich
durchgeführte Maßnahme war ganz simpel und betraf 2 Millionen Juden:
Die Anordnungen wurden von speziellen "Einsatzgruppen" auf besonders brutale Weise durchgeführt. Aber auch die Bevölkerung wurde ermutigt, beim Zusammentreiben der Juden mit zur Hand zu gehen.
Aufgabe 4: Schaut Euch die beiden nachstehenden Quellen genau an: QUELLE A "Mit wenigen Ausnahmen nahmen Angehörige der Polizei an Judenerschießungen ausgesprochen gern
teil. Sie hatten sogar ihren Spaß daran! Vermutlich werden sie das heute nicht zugeben, aber nicht ein einziger drückte sich ... Ich möchte noch einmal wiederholen, daß die Leute heute einen falschen
Eindruck vermitteln, wenn sie behaupten, daß die Aktionen gegen Juden nur unwillig ausgeführt wurden. Es gab einen enormen Judenhaß; es ging um Rache und um Geld und Gold. Machen wir uns
nichts vor: Während der Einsätze gegen Juden gab es immer etwas abzustauben. Wohin man auch kam, immer konnte man mühelos etwas mitgehen lassen. Die armen Juden wurden einfach
zusammengetrieben; und während man die Reichen verhaftete, durchsuchte und plünderte man ihre Wohnungen." (Polnischer Polizeibeamter, Krakau, 1941) QUELLE B
"Mit dem harten körperlichen Streß kamen die Männer gut zurecht. Dann gab es noch die extremen seelischen Folgen zu bedenken, die die zahllosen Liquidierungen mit sich brachten. Die Moral und
Selbstdisziplin der Männer hielt man dadurch aufrecht, daß man sie ständig an die politische Notwendigkeit ihres Tuns erinnerte." (Tagesbericht der Einsatzgruppe 1 vom 31. Juli 1941)
Auf welche Weise waren die beiden oben genannten Gruppen bei der Verfolgung der Juden unterschiedlich motiviert? Aus vereinzelten Morden und Massakern erwuchs eine neue Politik, die schließlich zu millionenfachem
Judenmord in ganz Europa führte. Aufgabe 5: Lest den Text der Wannsee-Konferenz, der sich auf die sogenannte "Endlösung" bezieht. Inwiefern
markiert er einen Wendepunkt in bezug auf die ursprünglich vorgesehene Behandlung der Juden? AUSZÜGE AUS DEM DOKUMENT ZUR WANNSEE-KONFERENZ:
"An Stelle der Auswanderung ist nunmehr als weitere Lösungsmöglichkeit nach entsprechender vorheriger Genehmigung durch den Führer die Evakuierung der Juden nach dem Osten getreten.
Im Zuge dieser Endlösung der europäischen Judenfrage kommen rund 11 Millionen Juden in Betracht. Unter entsprechender Leitung sollen nun im Zuge der Endlösung die Juden in geeigneter Weise im
Osten zum Arbeitseinsatz kommen. In großen Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter, werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos ein Großteil
durch natürliche Verminderung ausfallen wird. Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden müssen.
Im Zuge der praktischen Durchführung der Endlösung wird Europa vom Westen nach Osten durchgekämmt ... Die evakuierten Juden werden zunächst Zug um Zug in sogenannte
Durchgangsghettos verbracht, um von dort aus weiter nach dem Osten transportiert zu werden." Bis 1941 wurden Juden als Zwangsarbeiter in Lagern gehalten oder von den Ghettos aus zu gezielten
Arbeitseinsätzen geschickt. Zu einem späteren Zeitpunkt jedoch veränderte sich das Wesen dieser Unterkünfte: sie entwickelten sich zu Todeslagern für die endgültige Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Europas.
Wie zeigt sich dies in der Behandlung der Juden von Krakau, wie sie der Film "SCHINDLERS LISTE" darstellt? Der Schauplatz von "SCHINDLERS LISTE"
Der Großteil der Handlung in "SCHINDLERS LISTE" spielt in der Gegend der polnischen Stadt Krakau. Krakau war seit dem frühen 14. Jahrhundert eine der wichtigsten jüdischen Gemeinden in Europa. 1939
lebten dort etwa 60 000 Juden (bei einer Gesamtbevölkerung von 250 000). Zwischen den Kriegen erfuhr die jüdische Gemeinde weiterhin eine Blütezeit, obgleich der wachsende Antisemitismus in Polen nicht ohne Wirkung blieb. Aufgabe 6: Welche Hinweise gibt der Film "SCHINDLERS LISTE" auf das antisemitische Wesen mancher Polen?
Krakau wurde von der deutschen Armee am 6. September 1939 eingenommen; die Verfolgung der Juden begann unmittelbar danach. Krakau war das Verwaltungs-zentrum des sogenannten
Generalgouvernements; letzterer Begriff meinte die besetzten polnischen Gebiete. Bis Ende 1939 hatte man Terror-Einsätze in den jüdischen Stadtvierteln durchgeführt, und etliche
Synagogen wurden zerstört. Im darauffolgenden Jahr wurde Juden die Benutzung der wichtigsten Straßen und Plätze untersagt. Im März 1941 wurden 40 000 Juden aus der Stadt vertrieben; weniger
als 11 000 blieben zurück. Am 03. März 1941 wurde im Podgorze-Viertel das Krakauer Ghetto eingerichtet. Ende März war es ganz von Mauern und Stacheldraht umgeben.
Neben den verbliebenen Krakauer Juden trieb man weitere achttausend Menschen aus den angrenzenden Gebieten in das Ghetto. Ende 1941 lebten 18 000 Juden dichtgedrängt auf einem Areal, das lediglich 600 mal 400 Meter maß.
Aufgabe 7: Welche Eindrücke vermittelt "SCHINDLERS LISTE" vom Leben im Ghetto? Welches waren die wichtigsten Dinge, die man zum Leben brauchte? Worin bestanden für die jüdischen Ghetto-Bewohner
die größten Probleme? Da sie so billige Arbeitskräfte hatten, überrascht es nicht, daß die Deutschen innerhalb des Ghettos rasch Fabriken ansiedelten und außerdem Juden an Betriebe außerhalb der Ghettomauern vermieteten.
Aufgabe 8: Oskar Schindler erreichte Krakau Ende 1939. Wovon fühlte er sich bei dieser Stadt wohl hauptsächlich angezogen? Was hoffte er hier zu erreichen?
Ende Mai 1942 begannen die Deutschen, Juden aus dem Ghetto in die Vernichtungslager zu deportieren. Im Lauf der nächsten Monate gab es weitere "Selektionen", und Tausende zusätzlicher Juden wurden in die Lager geschafft.
Am 13. März 1943 wurden 2000 Bewohner eines Ghetto-Teils in ein Arbeitslager in Plaszow gebracht. Am darauffolgenden Tag fand eine sogenannte "Aktion" statt, in deren Verlauf der Rest des Ghettos
geräumt wurde. Einige hundert Juden wurden an Ort und Stelle getötet; 2700 wurden nach Auschwitz gebracht und starben dort in den Gaskammern. Aufgabe 9:
Wie hilft Oskar Schindler seinen eigenen "auserwählten" Juden während der Deportation in das Arbeitslager von Plaszow? Wie versucht er, ihnen eine Überlebenschance zu sichern? Wie kommt es,
daß die Räumung des Ghettos zu einem wichtigen Wendepunkt in Schindlers Leben wurde? Film und Geschichte Nachdem wir uns kurz mit dem historischen Hintergrund zu "SCHINDLERS LISTE" befaßt und einen
Einblick gewonnen haben, wie der Regisseur mit authentischem historischem Material umgeht, wollen wir jetzt darüber nachdenken, wie der Film Ereignisse im Krakau der Jahre 1939 und 1944 abbildet. Der Holocaust auf der Leinwand
Zu den überraschendsten Merkmalen von "SCHINDLERS LISTE" zählt die Tatsache, daß er zum allergrößten Teil in schwarzweiß gedreht ist. Warum hat sich Steven Spielberg Eurer Meinung nach
dafür entschieden? Welche Wirkung hat es auf uns Zuschauer? Könnt Ihr Euch noch daran erinnern, was Ihr empfunden habt, als der Film nach den ersten Minuten nicht wieder von schwarzweiß auf Farbe zurückwechselte?
Die Tatsache, daß hier vorwiegend mit schwarzweiß-Material gearbeitet wurde, führt auch dazu, daß die Augenblicke, in denen Farbe eingesetzt wird, eine ganz besondere Wirkung haben. Könnt Ihr Euch
an alle diese Augenblicke erinnern? Warum waren es Eurer Meinung nach ausgerechnet diese besonderen Momente? Was ist an ihnen so wichtig?
Warum beginnt Spielberg Eurer Meinung nach den Film in Farbe und geht dann zu Schwarzweiß über? In welchem Zusammenhang steht die Verwendung von Schwarzweiß-Material mit dem, was wir - als
Zuschauer im Jahre 1994 - vom Holocaust wissen? Wie geht der Regisseur mit diesem unserem Wissen um? Oskar Schindler Die Rekonstruktion von Figuren
Wie begegnen wir Schindler zu Beginn des Films? Als was für eine Art Mensch erscheint er uns? Wo liegen seine Hauptinteressen? Macht er zu Beginn des Films einen sympathischen Eindruck? Was
empfindet er Eurer Meinung nach zunächst für die Juden, die er für sich arbeiten läßt? Welchen entscheidenden Augenblicken zu Beginn des Films entnehmt Ihr diese Informationen?
Falls Schindlers Wesen eine Veränderung durchmacht, in welcher Hinsicht geschieht das? Wie wird uns dies im Film gezeigt? Wie verändern sich seine Interessen? Wird uns irgendeine Ahnung davon
vermittelt, auf welche Weise sie sich verändern? Wie wird Schindler am Ende des Films dargestellt? Wie hat er sich verändert? Wie zeigt sich diese Veränderung?
Welches sind Eurer Meinung nach die wichtigsten Passagen des Films, die uns Entscheidendes über Oskar Schindler mitteilen? Haltet Ihr diese Passagen für authentisch? Oder meint Ihr, daß es sich nur
um Ereignisse handelt, die lediglich denkbar sind? Wir haben untersucht, wie uns bestimmte Eindrücke über Schindler vermittelt werden. Aber wird uns
auch gezeigt, warum er sich ändert? Haltet Ihr es für wichtig, daß wir erfahren, warum er sich änderte? Auf welche Weise untersucht der Film Schindlers Wesen, ohne uns irgendwelche eindeutigen Antworten zu liefern?
Standpunkte Man sagt, daß ein Historiker die Pflicht hat, bei einem bestimmten Thema sämtliche bekannten Fakten in Erwägung zu ziehen, selbst die, die seinen Thesen widersprechen. Insofern muß ein
Geschichtswissenschaftler so viele Standpunkte wie möglich zu Rate ziehen, bevor er ein abschließendes Urteil fällen kann. Hat auch ein Filmemacher die Möglichkeit, dem Zuschauer viele verschiedene Standpunkte zu vermitteln? Denkt noch einmal über den Film nach, den Ihr gerade gesehen habt. Sehen wir dort alles mit den Augen Oskar Schindlers? Aus welchen anderen Perspektiven werden uns die Ereignisse präsentiert?
Wie beeinflußt dies die Art und Weise, in der wir die Ereignisse innerhalb dieser Geschichte begreifen? Wenn ein historischer Film uns eine "unparteiische Stellungnahme" präsentiert - sowie Historiker uns
viele verschiedene Aspekte eines bestimmten Diskussionsgegenstands liefern sollten -, wie machen sich dann diese verschiedenen Standpunkte in "SCHINDERS LISTE" bemerkbar?
Sehr oft lädt uns ein Spielfilm dazu ein, Sympathie für eine bestimmte Figur zu empfinden, die wir hier mit dem Wort "Held" bezeichnen wollen. Entspricht Oskar Schindler unseren üblichen Vorstellungen
eines Helden? Vielleicht gegen Ende des Films - aber auch von Anfang an? Wie wird uns vermittelt, daß er vielleicht nicht ganz der gute Mensch ist, für den wir ihn halten?
Meidet der Film Eurer Meinung nach Schwarzweißmalerei? Könnt Ihr Euch an die Szene erinnern, in der Schindler in einer Unterhaltung mit Stern über Göth spricht? In welcher Hinsicht verändert dies
unsere Betrachtungsweise der gezeigten Ereignisse? SCHINDLER: Ich habe mit Göth gesprochen. STERN: Ich weiß schon, wohin die Transporte gehen. Das hier ist der Räumungsbefehl. Ich muß bei
der Organisation der Transporte helfen und im letzten Zug mitfahren. SCHINDLER: Das wollte ich gar nicht sagen. Ich habe Göth das Versprechen abgerungen, daß er ein
gutes Wort für Sie einlegt. Sie haben dort nichts Schlimmes zu befürchten. Ihnen wird eine Sonderbehandlung zuteil werden. STERN: In den Weisungen, die direkt aus Berlin kommen, ist immer häufiger von Sonderbehandlung
die Rede. Ich hoffe, das ist nicht das, was Sie gemeint haben. SCHINDLER: Vorzugsbehandlung. Einverstanden? Müssen wir eine ganz neue Sprache erfinden? STERN: Ich glaube, schon.
Als das Ghetto gewaltsam aufgelöst wird, sehen wir einen Deutschen an einem Klavier sitzen. Während um ihn herum Juden ermordet werden, spielt er ein Mozart-Stück. Welches Bild wird uns da vermittelt? Selektion
Im Verlauf des Films sehen wir mehrmals, wie die Nazis sogenannte "Selektionen" durchführen, in deren Verlauf die Starken von den Schwachen getrennt werden. Die, die noch arbeiten können, werden
von denen ausgesondert, die dazu bestimmt sind, in der Gaskammer zu enden. Es wird uns jedoch noch eine andere Art von Auswahlverfahren vorgeführt. Itzhak Stern betreibt seine
eigene "Selektion", ebenso wie Oskar Schindler. Sie können bestimmen, wer auf die Liste gesetzt wird, und diejenigen auswählen, die durch ihren Einsatz als Arbeitskräfte eine Überlebenschance erhalten.
Versucht Euch an den Film zu erinnern. Stern ist verantwortlich für die Selektion von Menschen, die in Schindlers Emaille-Fabrik arbeiten werden. Entscheidet er sich ausschließlich für Leute, die die
notwendigen Fertigkeiten besitzen? Warum wählt er den Einarmigen aus? Versucht Euch daran zu erinnern, wer außerdem noch auf die Liste gesetzt wird? Durch welche
besonderen Qualitäten zeichnen sich viele der Leute aus? Welches Interesse hat Stern daran, sie zu retten? Begriffe für das Unaussprechliche
In diesem Leitfaden haben wir den Begriff 'Holocaust' für den Versuch der Nazis verwendet, die Juden zu vernichten, und das Wort "Endlösung", weil es in Geschichtsbüchern am häufigsten auftaucht. Viele
Juden und Historiker verwenden inzwischen jedoch ganz andere Begriffe. Nachfolgend drei Definitionen von Wörtern, mit denen mittlerweile die Ereignisse zwischen 1939 und 1945 beschrieben werden: HOLOCAUST Opfer
SHOAH Große Katastrophe CHUBAN Zerstörung Warum dienen Eurer Meinung nach die beiden letzteren Begriffe dazu, die Endlösung zu umschreiben?
Wie unterscheiden sie sich - was die Interpretation geschichtlicher Ereignisse betrifft - von dem Wort "Holocaust"?
"So wie unser Hunger nicht einfach das Gefühl ist, daß einem eine Mahlzeit fehlt, bedarf auch unsere Empfindung von Kälte eines neuen Worts. Wir sagen "Hunger", wir sagen "Erschöpfung", "Angst",
"Schmerz", wir sagen "Winter", und all das ist etwas ganz anderes. Es sind freie Begriffe, erfunden und angewandt von freien Menschen, die Annehmlichkeiten oder auch Leid in ihren eigenen vier Wänden
erfahren. Wenn es die Lager noch länger gegeben hätte, wäre eine neue, harte Sprache entstanden. Und allein diese Sprache wäre in der Lage gewesen, auszudrücken, was es bedeutet, den ganzen Tag
dem Wind ausgeliefert zu sein: bei eisigen Temperaturen, mit nichts am Leib als einem Hemd, Unterzeug, einer Hose und einer dünnen Stoffjacke; der ganze Körper erfüllt von Schwäche, Hunger und
der Gewißheit, daß das Ende kurz bevorsteht." (Primo Levi) Wie wichtig ist es, daß man das richtige Wort benutzt? In einer Szene in "SCHINDLERS LISTE" sagt
Schindler zu Stern, wenn dieser nach Auschwitz deportiert wird, wird er sich darum kümmern, daß er dort eine "Sonderbehandlung" erfährt. Stern entgegnet, daß ihm das nicht recht sei, weil das Wort für
ihn eine ganz andere Bedeutung habe als für Schindler. Schindler fragt, ob sie eine neue Sprache erfinden sollten, und Stern antwortet: "Möglicherweise ja." Fazit
Nachdem Ihr Euch nun durch die verschiedenen Aufgaben dieses Leitfadens hindurchgearbeitet habt, versucht bitte, die folgenden Fragen zu beantworten:
1. Vergleicht den Film mit dem, was wir über die ent sprechende Geschichtsperiode wissen bzw. erfahren haben.
2. Wie repräsentiert der Film die wichtigsten historischen Figuren und Gruppierungen? Warum geschieht das Eurer Meinung nach so und nicht anders? 3. Was sagt der Film über die Zeit aus, in der er entstand?
4. Taugt der Film als historische Quelle? Listet Stich- punkte auf, die dafür und dagegen sprechen? Lösungen zu Aufgabe 1: ZITAT A: Richard Wagner United International Pictures a |
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