Digitale Medien und Kunstunterricht
(Medienpapier des BDK)

 

Kommunikation in der Informationsgesellschaft funktioniert zunehmend über digital erzeugte Bilder. Diese Tatsache stellt die Schule vor neuartige Anforderungen und vor allem den Kunstunterricht. "Kunst ist bislang das einzige Fach, das sich explizit mit der Herstellung und Wirkung von Bildern befasst und zu einer besonderen Bildkompetenz qualifizieren kann [...] einer Ausprägung anschaulich-ästhetischen Denkens, die wissenschaftspropädeutische Lernprozesse mit einschließt." (Zülch u. a. 2000, S. 2)
Die digitalen Medien haben jedoch nicht nur die Kommunikation, sondern auch mit der Welt der Bilder unser Weltbild radikal verändert.
Die Auseinandersetzung mit diesen Entwicklungen im Fach Kunst trägt zu einem verantwortungsbewussten, kritischen sowie kreativen und lustvollen Umgang mit den Medien bei. In bereits veröffentlichten Positionspapieren des BDK e.V. (BDK-Mitteilungen 1995; 1998; 1999)
wird die Wichtigkeit der digitalen Medien im Kunstunterricht unterstrichen.
Die Hauptversammlung des BDK hat im März 2001 mit dem vorliegenden Papier die aktuellen Anforderungen an das Fach Kunst konkretisiert. Medien, Kultur und Gesellschaft Kunstunterricht thematisiert die digitalen Medien, da diese nahezu alle Bezugsfelder des Fachs verändert haben und laufend weiter verändern.
Computer im Kinderzimmer
Der Computer hat die Kinderzimmer erobert und beeinflusst massiv die Realität des kindlichen Spiels sowie die Vorstellungskraft und Erfahrungswelten der Kinder. Auch die Kinderzeichnung und die kindliche Bildsprache insgesamt haben sich unter dem Einfluss digitaler Bildproduktion verändert.
Jugendspezifische Medienwelten
Videoclips machen beispielhaft deutlich, dass die visuelle Umwelt der Jugendlichen mittlerweile zu großen Teilen digital erzeugt ist und Merkmale besitzt, die sie gegenüber der analog erzeugten elementar unterscheiden. Jugendliche heute können inzwischen mit wenigen Mausklicks perfekte Bildwelten erzeugen und diese beliebig reproduzieren. Sie verfügen über Mittel, die vor einigen Jahren noch ausschließlich Profis vorbehalten waren.
Medien und Kunst
Wie viele Ausstellungen aktueller Kunst zeigen, bestimmt sich die Kunst in Bezug auf die technologischen Innovationen neu - so wie es die Malerei gegenüber der Fotografie im 19. Jahrhundert getan hat. Der immaterielle, das Original negierende, telematische Charakter des Kunstwerks im Rechner, das interaktiv als Tür - statt als Fenster - des Betrachters dienen kann, fordert eine neue Selbstverständigung auch der analogen Kunst.
Arbeitswelt
Die digitalen Medien haben nicht zuletzt Berufsbilder revolutioniert, die im Bereich der angewandten Kunst liegen und auf die hin der Kunstunterricht besonders qualifizieren kann. Davon zeugen mittlerweile viele von Schülerinnen und Schülern selbstständig gestalteten Schülerzeitungen oder Webauftritte und CD-ROMs, die Firmen produzieren, deren Inhaber Schüler sind.
Schule: Schulisches Lernen verändert sich durch die digitalen Medien. Schülerinnen und Schüler benötigen Bildkompetenz u.a. zum Wissenserwerb, zur Präsentation und zur Visualisierung von Erkenntnisse und Zusammenhängen in allen Unterrichtsfächern. Das macht modernen Kunstunterricht so notwendig wie nie zuvor.


Digitale Medien und Kunstunterricht

Zielgruppe
Kinder und Jugendliche müssen frühzeitig an den sinnvollen Umgang mit digitalen Medien herangeführt werden. Da viele Jugendlichen den Computer bereits zur Bildgestaltung und -produktion nutzen, können ihre Erfahrungen durch den Einsatz digitaler Medien im Kunstunterricht optimiert und anderen zugänglich gemacht werden. Über einen eher technisch geprägten Zugang zur Welt der Bilder sind Schüler zu aktivieren, die der Kunstunterricht bislang nur bedingt erreicht hat.
Gestaltungsprozess
Durch die Vereinfachung vieler Verfahren - z. B. in der Bildbearbeitung oder Entwurfsarbeit - sind Schülerinnen und Schüler eher bereit, sich auf anspruchsvolle kreative Gestaltungsprozesse über längere Zeiträume einzulassen. Aufgrund der schnellen Veränderbarkeit der skizzierten Ideen fällt es leichter, Alternativen zu entwerfen, zu diskutieren und die Ergebnisse ständig zu verbessern.
Teamarbeit
Das Gestalten am Computer, z. B. bei der Erstellung multimedialer Präsentationen, erfordert teamorientiertes Arbeiten, da die Schüler meist arbeitsteilig vorgehen müssen. Ideen werden im Team besprochen, ausgetauscht und weiterentwickelt.
Neue Inhalte
Die Erweiterung des Repertoires des Faches durch interaktive, fächerübergreifende Multimediaanwendungen, Animationen und vieles mehr (s. Tabelle) eröffnet neue Chancen, da sie den alltäglichen Bildgebrauch der Jugendlichen aufgreift und so das Fach an den aktuellen Stand der visuellen Kultur anschließt. Die Nutzung digitaler Medien im Kunstunterricht ersetzt jedoch nicht dessen traditionellen Aufgaben - ganz im Gegenteil: Gerade weil der Umgang mit Bildern im Alltag einer ständigen Beschleunigung unterliegt, sind Erfahrungen von Langsamkeit, Originalität und sinnlicher Materialität unverzichtbar. Sinn und Sinnlichkeit bei der Arbeit mit elementaren, natürlichen und taktil wahrnehmbaren Materialien sind ganz andere als Sinn und Sinnlichkeit bei der Arbeit am Bildschirm. Ob eine Stunde im Computerraum gearbeitet wird oder im Werkraum mit Ton - immer geht es um eine bewusste Entscheidung. Doch mit Entscheidungen dieser Art haben KunstlehrerInnen Erfahrung: Ihr Repertoire reichte schon immer von natürlichen Materialien bis zu technischen Medien wie Foto, Film und Drucktechniken.


Einsatzgebiete der digitalen Medien im Kunstunterricht

Produktion
In den Bereichen
- Printmedien, Animation
- Video und Multimedia
- Internet,
ist die produktive, gestalterische Arbeit mit digitalen Medien im Kunstunterricht sinnvoll. Diese Bereiche überlappen und durchdringen sich zum Teil. In allen Bereichen sind Realisierungen in zweidimensionalen und dreidimensionalen Bildwelten möglich und sinnvoll.

Medium: Printmedien Animation, Video CD-ROM und Internet
Bildsprache: simultan sequenziell interaktiv
Einsatzbereiche im Unterricht: Textgestaltung und Lay-out, Schrift, Zeitung, Plakat, Prospekt Digitale Bilderstellung und -bearbeitung, Angewandte und freie Grafik, Design, Architektur, Digitale Fotografie, Bildbearbeitung Videoaufnahme und -postproduktion, Trickfilm, Dokumentation, Spielfilm, Trailer, Musikclip Mediales Spiel, experimentelles Theater und Installationen Präsentationen, Visualisierung z.B. bei Referaten, "Point of Information", Hypermedia, Multimedia, Computerspiel, Lernprogramm, Simulation, Architektursimulation, Homepages (vor allem unter den Aspekten Screendesign und Navigationsdesign) Projektarbeit im Netz, spielerische, webbasierte Kooperationsformen, Gestaltung von Kommunikation


In allen Beispielen lassen sich die Möglichkeiten des Computers mit all seinen Peripheriegeräten als Werkzeuge bei Gestaltungsaufgaben nutzen. Viele dieser Unterrichtsvorhaben sind ohne Computer nicht denkbar. Die Form des Arbeitens mit dem Computer wie die Ergebnisse sind für die Schule bisher ungewohnt. Sie repräsentieren neue Zugänge zur Welt. Es gibt verschiedene didaktische Ansätze, die den Einsatz des Computers als Werkzeug für das Kommunikationsdesign begründen. Schülerinnen und Schüler können z.B. (Sach-) Informationen gestalten, d.h. mit Medien Mitteilungen in Realsituationen für eine authentische, zweckgerichtete Kommunikation verantwortlich produzieren. Die Aufgaben orientieren sich am professionellen Informations- und Kommunikationsdesign.
In diesem Bereich muss Kunstunterricht auch einen entscheidenden Beitrag zur allgemeinen "Informationstechnischen Bildung" leisten. Das kann in Verbindung mit dem Informatikunterricht geschehen. Die medienpädagogischen Implikationen liegen auf der Hand. Außerdem geht es um die Entfaltung der schöpferischen Kräfte von Schülerinnen und Schüler. Dazu gehört, mit den Medien spielerisch umzugehen, Medien zu erproben und Gestaltungsexperimente zu wagen. Die Aufgaben orientieren sich an allen Gegenstandsbereichen des Kunstunterrichts, an der Bildenden Kunst ebenso wie an der angewandten Kunst. Dabei kommen den Gebieten der Architektur, der Produktgestaltung, dem Grafik und Medien Design sowie Fotografie und Film als Einsatzorte des Computers besondere Bedeutung zu. Die Übergänge zwischen diesen Bereichen sind fließend. Werden im Unterricht analoge und digitale Medien kreativ kombiniert, eröffnet sich ein riesiges Gebiet völlig neuer Möglichkeiten. Durch Crossmedia entstehen oft neue, unerwartete Ergebnisse und innovative, experimentelle Vermittlungsformen.

Reflexion
Die angeführten Einsatzgebiete digitaler Medien richten die Aufmerksamkeit vor allem auf den Gestaltungs- und Kommunikationsbereich. Der Computer als Medium, als Kulturtechnik sowie als Element des Lebensstils und jugendspezifischer Kommunikationsformen wird jedoch in Zukunft auch verstärkt Gegenstand der Reflexion sein müssen. Daraus folgt, dass Bildbetrachtung und Medienanalyse an Werken der Medienkunst oder an Beispielen digitaler Bilder der Alltagsästhetik (z.B. Werbeanzeigen und -filme, Videoclips, Computerspiele, Screendesign) zu leisten sind.

Nutzung von Medien
Die Nutzung digitaler Medien als Material für den Unterricht z.B. durch Datenbanken, multimediale "Lehrbücher", Lernwelten oder Lernspiele und bei der Recherche im Internet wird auch im Kunstunterricht - wie in allen anderen schulischen Fächern - eine immer wichtigere Rolle spielen.


Raumkonzepte und Ausstattung

Drei Modelle für den Einsatz des Computers im Kunstunterricht haben sich bewährt, alle gehen von vernetzten Rechnern aus:
Medienecke
Entweder steht ein oder es stehen mehrere Rechner (ausgerüstet mit Scanner, digitaler Kamera, Beamer, Farbdrucker sowie fachspezifischer Software) im Kunstraum, an denen kleine Schülerteams arbeiten, während andere Aufgaben mit traditionellen Hilfsmitteln lösen oder arbeitsteilige Verfahren zwischen den Gruppen durchgeführt werden. Ähnliches gilt für die Einbindung des Computers in alle übrigen, dem Schulfach Kunst zugeordneten Werkstattbereiche.

Computerlabor
Analog zum klassischen Fotolabor steht ein gesondertes "Computerlabor" für freie Projektarbeit außerhalb des regulären Unterrichts zur Verfügung.

Computerraum
Regulärer Kunstunterricht muss auch mit ganzen Klassen in eigenen, ausreichend ausgestatteten Computerräumen (Computerkabinetten, Informatikräumen) möglich sein, so dass alle Schülerinnen und Schüler Rechnern arbeiten können. In jedem Fall bietet es sich an, fächerübergreifend, arbeitsteilig, selbstständig und auch einmal außerhalb des Stundenrhythmus an Projekten zu arbeiten. Das gehört zur traditionellen Kultur des Fachs. Im Bereich Kunstgeschichte / Werkanalyse ist der Entwicklung von Bilddatenbanken und dem Einsatz von Beamern als Ersatz für nicht mehr verfügbare Diasammlungen erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken.

Konsequenzen

Ministerien, Schulträger, Schulleitungen und Lehrer sind aufgefordert, zur Bewältigung der anstehenden Aufgaben verstärkt Anstrengungen zu unternehmen.

Politik und Schulverwaltung
Um medienpädagogische Konzepte realisieren zu können, erwartet der BDK von den zuständigen Ministerien in den einzelnen Bundesländern die Verankerung der Arbeit mit digitalen Medien in der Lehrerausbildung
- durch entsprechende Ausbildungs- und Prüfungsordnungen
- durch die Verstärkung einschlägiger Lehrerfort- und -weiterbildungsangebote für KunstpädagogInnen unter angemessenen Rahmenbedingungen
- die Finanzierung von Entwicklungskosten für fachspezifische Lernsoftware
- eine verstärkte Berücksichtigung der digitalen Medien in den Lehrplänen für den Kunstunterricht, an deren Erstellung medienkompetente KunstpädagogInnen mitwirken
- die Erhöhung der Anteile des Faches Bildende Kunst in den Stundentafeln aufgrund erweiterter Aufgaben.

Sachaufwandsträger
Von den Schulträgern erwartet der BDK eine Ausstattung der Kunsträume mit
- Medienecken
- lichtstarken Beamern, Farbdruckern, digitalen Kameras, Scanner
- Internetzugang
- fachspezifischer Software (z.B. Bild- und Videobearbeitungsprogramme, Multimedia- und Interneteditoren, Lernsoftware).

BDK:
Um den Anforderungen gerecht zu werden , die mit den digitalen Medien auf den Kunstunterricht zukommen, erfüllt der BDK folgende Aufgaben:
+ die kontinuierliche Pflege und den Ausbau der BDK-Homepage http://www.BundDeutscherKunsterzieher.de
+ die Einrichtung eines zentralen Arbeitskreises der Landesmedienreferenten zur Unterstützung der Landesverbände durch Erfahrungsaustausch und gemeinsame Projektarbeit
+ den Aufbau und die Pflege von Kontakten zu jugendkulturellen Einrichtungen und Partnern aus der Industrie mit dem Ziel, einen jährlichen Kunst-Medien-Wettbewerb zu installieren
+ die Mitarbeit bei der weiteren Optimierung des Internetportals http://www.kunstunterricht.de für KunstpädagogInnen
+ die Bereitstellung von Unterrichtsmaterialien, Modellen und Konzepten.
Auf Landesebene kommt hinzu
+ die Entwicklung von Landesplattformen (Wettbewerbe, Festivals, Internetplattformen)
+ die Bestellung von Landesmedienreferenten als Mitglieder im jeweiligen Landesvorstand, die auch als Ansprechpartner für die Landeskultur- und bildungspolitik zur Verfügung stehen
+ die eigenverantwortliche Durchführung einschlägiger Lehrerfortbildungen, bzw. die Kooperation mit der staatlichen Lehrerfortbildung
+ die Zusammenarbeit mit Hochschulen und Studienseminaren bei der Erarbeitung medienpädagogischer und didaktischer Konzepte.


Literatur:
BDK e. V.: Kunst und ästhetische Bildung in der Schule der Zukunft. In: BDK-Mitteilungen 2/1995, S. 5-9
BDK e. V.: Ästhetische Erziehung in der Grundschule. Positonspapier der Arbeitsgruppe "Primarstufe". In: BDK-Mitteilungen 3/1998, S. 2-10 BDK e. V.: Das Fach Kunst in der gymnasialen Oberstufe.
Kunstpropädeutik und Wissenschaftspropädeutik: Erziehung zu Bildkompetenz und Befähigung in Schlüsselqualifikationen. In: BDK-Mitteilungen 3/1998, S. 2-10
Zülch, Martin u. a.: Die Welt der Bilder - ein konstitutiver Teil der Allgemeinbildung. Zehn Aussagen zur Notwendigkeit des Schulfaches Kunst. In: BDK-Mitteilungen 3/2000, S. 2-3 *)

An der Erarbeitung diese Positionspapiers waren folgende Kolleginnen und Kollegen als Landesmedienreferenten beteiligt: Michael Schacht und Marc Fritzsche (LV Hessen), Klaus Jahns (LV Mecklenburg-Vorpommern), Andreas Schwarz (LV NRW), Eberhard Grillparzer (LV Rheinland-Pfalz), Elke Ott (LV Saarland), Beatrix Naumann (LV Sachsen), Werner Fütterer (LV Schleswig-Holstein), Birgit Dettcke (LV Thüringen). Vom Bundesvorstand haben Ernst Wagner und Raimund Lehmann mitgearbeitet. Die redaktionelle Endfassung lag bei Konrad Jentzsch.