Training interkultureller Kompetenz



Die Förderung von interkultureller Kompetenz, z. B. von Empathie, Konfliktfähigkeit, Verantwortungsbereitschaft, Toleranz oder Identitätsbalance erfordert Lernsituationen und Vermittlungsformen, die kognitive, affektive und soziale Lernprozesse integrieren und praktische Erfahrungsmöglichkeiten und Verhaltensänderungen zulassen. Neben der Vermittlung von Orientierungswissen müssen Möglichkeiten geschaffen werden, im Unterricht auch Handlungswissen über Erfahrungen zu auszubilden.

Projekte und Vorhaben sind besonders in Verbindung mit außerschulischen Kontakten eine hervorragende Möglichkeit, komplexe Lernsituationen für interkulturelle Handlungserfahrungen in der Schule herzustellen. Allerdings sind die Lernergebnisse stark prozessgebunden, nicht genau planbar und abhängig von der schulischen Lernkultur und dem jeweiligen situationsspezifischen Engagement der Schülerinnen und Schüler. Hier bietet sich ein Training interkultureller Kompetenzen als Ergänzung an.

Unter Training soll im folgenden eine Lernform verstanden werden, das den gezielten Aufbau von Kompetenzen fördert, eine hohe Lernintensität erreicht, nahe an der Person der Schülerinnen und Schüler bleibt, Verhalten durch Übungen und Erprobungen bildet und immer eine Reflexion der Lernprozesse und –ergebnisse beinhaltet. Ein Training interkultureller Kompetenzen kann für die Schule in einem doppelten Sinne bedeutsam werden. Zum einen können Lehrkräfte durch entsprechende Fortbildungsangebote sich eine gemeinsame Basis für interkulturelle Bildung über gemeinsame Erfahrungen, Wertereflexion und Begriffsbildung schaffen. Zum anderen können durch ein gezieltes Training ausgewählte interkulturelle Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler längerfristig gefördert werden. 

Ein Training interkultureller Kompetenz wird in die alltägliche Unterrichtsorganisation eingebettet, besitzt aber eine eigenständige Struktur und Methodik. Zeitlich gesehen sind Trainings nicht in wöchentlichen Einzelstunden durchführbar, sie benötigen aber auch nicht immer große Zeitblöcke. Wichtig ist die bewußte, regelmäßige Durchführung, die nicht nur auf eine Kompaktveranstaltung begrenzt bleibt. Didaktisch können Trainings zwischen Spiel, Simulation und Realität verortet werden. Sie verändern die Rolle der Lehrkräfte, weil diese in der Moderationsrolle sehr methodisch orientiert vorgehen und die Schülerpersönlichkeit mit individuellen und gruppenbezogenen Erfahrungen in den Mittelpunkt ihrer Aktivitäten stellen. Die Selbsttätigkeit der Schülerinnen und Schüler wird gestärkt, sie sind aber auch von den methodischen Kompetenzen und Trainingserfahrungen der Lehrkräfte abhängig.

Im folgenden soll beispielhaft das Trainingsprogramm "Eine Welt der Vielfalt" vorgestellt werden. "Eine Welt der Vielfalt" oder "A World of Differece (AWOD)" ist in einer der ältesten Menschenrechtsorganisationen der Anti-Defamation-League (ADL) in den USA als Reaktion auf gesellschaftliche Diskriminierungen, Vorurteile und rassistische Vorfälle entwickelt worden. Es wird nicht nur in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen, sondern auch im ausserschulischen Bereich z.B. in der Verwaltung, in Betrieben, bei der Polizei eingesetzt.

Die Zielsetzungen dieses Trainingsprogramms für Lehrkräfte und für Schülerinnen und Schüler sind
 

  • die eigene kulturelle Sozialisation zu reflektieren
  •  kultureller Vielfalt offen zu begegnen
  • Unterschiede als Bereicherung zu erfahren>
  • eigene Wertestandpunkte zu überprüfen, eigene Vorurteile zu erkennen und an ihnen zu arbeiten
  • negative Auswirkungen von Vorurteilen und Diskriminierung zu erkennen
  • Empathie und Einfühlungsvermögen zu entwickeln sowie Vorurteile, Diskriminierung, Rassismus und Gewalt aus der Perspektive der Minderheit wahrzunehmen
  • Verhaltensweisen zu entwickeln, um gegen Diskriminierung einzuschreiten.

Dabei werden von ausgebildeten Moderatorinnen und Moderatoren unterschiedliche Methoden erfahrungs- und handlungsorientiert eingesetzt: Problembezogene und personenorientierte Kommunikation, Simulationen, Rollenspiele, Kreativmethoden und die Arbeit an Fallstudien gehören ebenso dazu, wie die Auseinandersetzung mit Themen wie Vorurteile, Diskriminierung und Rassismus. Für den Unterricht sind umfangreiche anregende Materialien entwickelt worden, die viele methodische Möglichkeiten für projektorientiertes Lernen bieten. Für jeden der folgenden Themenbereiche gibt es jeweils eine Reihe von Angeboten:
  • Sich selbst als Individuum und als Mitglied einer Gruppe schätzen lernen
  • Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Personen erkennen
  • Kulturelle Vielfalt kennenlernen
  • >Wirkung von Vorurteil und Diskriminierung verstehen
  • Strategien und Handlungsvorschläge gegen Vorurteile und Diskriminierung entwickeln

Die Materialien für den Unterricht sollten ohne vorherige Auseinandersetzung mit dem Konzept nicht eingesetzt werden. Durch das Verhalten der Lehrerinnen und Lehrer, durch das Gruppenklima, durch die Auswahl der Übungen soll jeweils gewährleistet werden, dass die Kommunikation und Zusammenarbeit der Schülerinnen und Schüler in einer vertrauens- vollen Atmosphäre stattfindet. Auch werden in bestimmten Übungen sehr persönliche Erfahrungen und Einstellungen thematisiert, deren Austausch sensibel moderiert werden muss. Jede Lehrkraft sollte deshalb in einem Training die personbezogene und erfahrungsorientierte Vorgehensweise selbst erlebt und geübt haben.

In Niedersachsen stehen über 20 Lehrkräfte als Moderatorinnen und Moderatoren zur Verfügung, um in der regionalen oder schulinternen Fortbildung Angebote für interkulturelle Trainings zu machen. Die Angebote können über die Fachberatung oder die regionale Lehrerfortbildung abgerufen werden. In einigen Bundesländer sind erfolgreiche Versuche mit Peertrainigs gemacht worden: Ältere Schülerinnen und Schüler bekommen eine Ausbildung, die sie befähigt mit jüngeren einzelne Übungen, Methoden, Gespräche durchzuführen. 

Es gibt weitere Trainingsprogramme wie das Anti-Rassismus-Training (A.R.T.) des Pädagogischen Instituts in München (Heigl) oder das Deeskalationstraining der Initiative Schule ohne Rassismus (S.O.S.), die stärker politisch orientierte Themen einbeziehen.  Szenische Spielformen und pädagogische Spiele werden ebenfalls im interkulturellen Bereich eingesetzt. Hier hat besonders Ingo Scheller das szenische Spiel als Lernform entwickelt, um die Auseinandersetzung mit dem Fremden und der eigenen Person möglichst intensiv erfahren und reflektieren zu können (Müller/Scheller 1993).

Die Trainingsprogramme "Betzavta-Miteinander" und "Achtung (+)Toleranz", beides Trainigsprogramme, die demokratische und soziale Verhaltensweisen fördern wollen, eignen sich auch für den Einsatz in interkulturellen Lernzusammenhängen in der Schule (Bertelsmann Stiftung 1997 und 1999). Allmählich nimmt die Qualtätsentwicklung im Bereich der interkulturellen Trainings  konkrete Formen an. Eine Fachtagung im Januar 2001 thematisierte die Evaluation der Trainingsverfahren. Die Ergebnisse sind dokumentiert in einer Broschüre des Landeszentrums für Zuwanderung NRW: Interkulturelle und antirassistische Trainings  – aber wie?  Konzepte, Qualitätskriterien und  Evaluationsmöglichkeiten (im pdf-Format) runterladbar beim Landeszentrum.


  Literatur

Eine Welt der Vielfalt. Ein Trainingsprogramm des A WORLD OF DIFFERENCE - Institute der Anti-Defamation-League, New York in der Adaptation für den Unterricht. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung 1998.

Heigl, Wunibald: A.R.T. -Antirassismustraining für Jugendliche ab Sekundarstufe I. Ein Baustein zum Unterrichtsprojekt "Miteinander leben". Pädagogisches Institut, München (Herrnstr. 19, 80539 München)

Das Gewalt- und Rassismus - Deeskalationstraining der AG SOS-Rassismus. Schwerte: Haus Villigst (58239 Villigst). 

Flechsig, Karl-Heinz: Methoden interkulturellen Trainings - Ein neues Verständnis von "Kultur" und "interkulturell". In: Gmende/Schröer/Sting (Hg.): Zwischen den Kulturen. Weinheim /München: Juventa, 1999, S. 209 - 228.

Leenen, Wulf Rainer/ Harald Grosch: Interkulturelles Training in der Lehrerfortbildung. In: Bundeszentrale für die politische Bildung (Hg.): Interkulturelles Lernen. Arbeitshilfen für die politische Bildung. Bonn 1988, S. 317 - 340.

Leenen, W.R. (2001): Interkulturelles Training. Entstehung, Typologie, Methodik. In: Landeszentrum für Zuwanderung (Hrsg.): Interkulturelle und antirassistische Trainings - aber wie? Konzepte, Qualitätskriterien und Evaluationsmöglichkeiten. Solingen. S. 9-24

"Miteinander - Erfahrungen mit Betzavta" und "Achtung (+)Toleranz". Beide Praxishandbücher gibt es bei der Bertelsmann-Stiftung, Gütersloh. Training für Lehrkräfte werden z.B. von der Landeszentrale für politische Bildung angeboten.

Müller, Angelika I./ Ingo Scheller: Das Eigene und das Fremde. Flüchtlinge, Asylbewerber, Menschen aus anderen Kulturen und wir. Szenisches Spiel als Lernform. Oldenburg: Zentrum für wissenschaftliche Weiterbildung der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg 1993. 


Outi Arajärvi: Bausteine interkultureller Persönlichkeitsentwicklung
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Interkulturelles Training als Ansatzpunkt zur Erfassung eines interkulturellen Kompetenzprofils bei MigrantInnen. (Analyse, inwieweit Trainingskonzepte Zugänge für das Erlernen der interkulturellen Kompetenz bieten, die für die Erfassung und Weiterentwicklung der Kompetenz bei MigrantInnen in verschiedenen beruflichen Situationen behilflich sein könnten.)

Peer-Training in Sachsen   Training von Jugendlichen für Jugendliche, ein bemerkenswertes Projekt.

Sehr umfassend ist die Liste der Trainingsmöglichkeiten beim Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit  e.V. (IDA). 
 

Text: Dieter Schoof-Wetzig, 04/2007

 

   
Dieter Schoof-Wetzig