NLI Lesebus

Soap-Operas im Deutschunterricht
 

Verführen Fernsehhelden zum Lesen, Schreiben, Erzählen, Gestalten?
Bausteine für die Arbeit mit Soap-Operas im Deutschunterricht

Vorbemerkung:

Die Soap-Operas sind längst zum ständigen Begleiter im Alltag unserer Schüler geworden. Ihre Themen, die Mode ihrer Darsteller, die Sprache mit der sie sich unterhalten, sie setzen Maßstäbe. Doch die Schule verweigert aus unterschiedlichen Gründen häufig, die veränderten Mediengewohnheiten der Schüler zur Kenntnis zu nehmen bzw. sie in den Unterricht einzubauen.

Die folgenden Unterrichtsbeispiele, die zum großen Teil - so wie beschrieben - für ein Unterrichtsvorhaben in einer Hauptschule eingesetzt worden sind, sollen Möglichkeiten aufzeigen und Mut machen, Fernsehserien zum Thema des Deutschunterrichts werden zu lassen. Vielleicht werden dabei ganz nebenbei überraschende Entdeckungen gemacht, die den Aufwand trotzt allem lohnen.

Lerngruppe:


Klasse 10 (HS Eichendorffschule) Peine
(24 Schüler/Schülerinnen)


Zeitbedarf:
2 Projekttage. Dazu je nach Intensität 4 bis 8 Stunden

Materialbedarf:
Digitaler Schnittplatz: mindestens ein Schnittcomputer, ein Monitor, eine Videokamera (bei Kreis- bzw. Stadtbildstellen entleihbar).





Verlauf:
Eine Ansichtskassette mit Ausschnitten aus den Soap-Operas "Gute Zeiten Schlechte Zeiten", "Verbotene Liebe", "Marienhof", "Beverly Hills", "Dawson´s Creek" wird den Schülerinnen und Schülern vorgestellt. Sie erkennen ohne Mühe die Serien wieder und können mit wenigen Worten Inhalt und Form beschreiben. Sie bewerten das Verhalten der Hauptdarsteller. Sie erklären bestimmte Handlungszusammenhänge. Sie begründen ihre Meinungen. Sie vergleichen sie mit ähnlichen Serien.

Eine Einzelfolge von "Gute Zeiten Schlechte Zeiten" wird vorgestellt. Die Schüler/innen stellen Personenbeschreibungen her. Sie beschreiben das Beziehungsgeflecht, in dem die einzelnen Darsteller/innen sich miteinander befinden, sichern den Inhalt durch ein Sequenzprotokoll und kennzeichnen diejenigen Teile, die einen Erzählstrang bilden. Anschließend erzählen sie aus der Sicht einzelner Hauptdarsteller das Geschehen neu. Die Ergebnisse werden an einer mit Bildern aus Zeitschriften illustrierten Wandzeitung gesichert und bilden den Rahmen für die folgenden Unterrichtsschritte:



Die Schüler/Schülerinnen werden in Gruppen in die Arbeitsweise eines digitalen Schnittplatzes eingewiesen und erhalten die Aufgabe, die jeweils zusammengehörigen Teile eines Erzählstranges nun hintereinander zu schneiden. Sie merken sehr schnell, dass dabei ein langweiliges Produkt entstanden ist. Doch die unverschachtelten, die linear ablaufenden Erzählstränge machen den Schülern auch die Erzählstruktur deutlich. Die Handlungsstränge sind durch Personen und/oder Problemstellungen wechselseitig miteinander verbunden, sie bewegen sich mit unterschiedlicher Intensität auf den Höhepunkt zu und können zu einem vorläufigen Ende geführt werden.

Der Einblick in den Aufbau des seriellen Erzählens kann vertieft werden: die Schüler erhalten Bildkarten, die die einzelnen Sequenzen der nächsten Folge repräsentieren. Ein Bild und ein Satz stehen stellvertretend für die ganze Sequenz. Sehr schnell werden die drei Erzählstränge entdeckt. Die Leerstellen zwischen den einzelnen Bildkarten werden nun mündlich/schriftlich ausgeweitet. Danach erfolgt die Montage: Wie müssen die drei Erzählstränge montiert werden? Mit Hilfe des Schnittplatzes wird nun der Anfang der jeweiligen Folge geschnitten, und die Ergebnisse werden miteinander verglichen. Als Abschluss wird die Originalfassung herangezogen. Welche der von den Schülern gefertigten Erzählungen sind logisch? Wo sind deutliche Brüche zu erkennen, wie hätte man es auch anders machen können?

Wenn man insbesondere die Sprache der Serien hinterfragen will, besteht nun die Möglichkeit, eigene Texte und Dialoge zu entwerfen.Die Schüler/innen vertonen danach "ihre" Folge (dies kann sehr aufwendig sein). Neben dem Spaß an der Sache werden sie auf diese Weise sensibilisiert für Sprachwitz und Doppeldeutigkeit. Sie entwickeln Fantasie und neue Handlungszusammenhänge.

Ein Erzählstrang soll ausgeweitet werden. Für diese Aufgabenstellung wird die Klasse in zwei Gruppen geteilt. Eine technische Gruppe macht sich mit der Kamera vertraut und lernt ihre Bedienung kennen: Einstellungen, Perspektiven usw. Zum besseren Verständnis werden einzelne Teile einer Serienfolge noch einmal gemeinsam betrachtet (z. B. das Zählen der Schnitte in einer Sequenz, Einstellungsgrößen, Kamerastandpunkt beschreiben). Danach wird eine spontan erdachte Szene von der technischen Gruppe zum Training (Auf-Schnittarbeit) aufgenommen.

Eine andere Gruppe besteht aus den Schauspielerinnen und Schauspielern. Zunächst schauen sie sich noch einmal an, wie sitzen, wie gehen die Mädchen und Jungen in den Soap-Operas? Wie begegnen sie sich, wie begrüßen sie sich, wie verhalten sie sich auf der Straße? Nun sollen eine oder mehrere Szenen von der Schauspielgruppe ausgearbeitet werden, d.h. die Schüler/innen müssen ein kleines Drehbuch schreiben. Dabei sollen sie sich als Freunde/Bekannte/
heimliche Geliebte einer der Hauptpersonen in einen Erzählstrang bzw. zwischen zwei Erzählsträngen einklinken. Da die Soap-Operas in der Regel mit wenig Action auskommen und meist in geschlossen Räumen spielen, finden sich leicht Drehorte zum Gestalten: die Cafeteria einer Schule, in der die Clique über die Ereignisse in Daniels Bar spricht; die Bushaltestelle oder die Telefonzelle, die der Handlung der Serienfolge einen ganz neuen "Dreh" verschafft.

Das Drehbuch wird zur Weiterverarbeitung der technischen Gruppe gegeben. Nun müssen Absprachen hinsichtlich des Gestaltens getroffen werden. Die Szene darf nicht zu lang und nicht zu kurz werden. Sie muss logisch aufgebaut sein. Die Worte müssen stimmen. Die innere Bewegung muss sichtbar sein.

Mit einer Videokamera werden nun die Szenen abgedreht und in die bereits existierende Originalfolge hineingeschnitten. Die Schüler/innen sind vom Ergebnis meist positiv überrascht. Auf einmal sind sie zu Filmpartnern von Flo oder Nico geworden, und dazu noch nicht einmal zu ganz schlechten. Oft möchten sie nun weiter drehen. Sie entdecken weitere Mitspielmöglichkeiten und entwerfen weitere Drehbücher.

Eine Bücherkiste aus der Bücherei steht während des gesamten Projektes bereit. Gleichsam nebenbei besteht so immer die Möglichkeit, in den Arbeitspausen zu "schmökern". Doch in der Kiste sind nicht nur die Serienbücher zu "Gute Zeiten Schlechte Zeiten" sowie diverse Hefte und Kalender, sondern auch die Bücher zu anderen Serien, Bücher, die ihre Geschichten oft ähnlich aufbereiten wie die Soaps und Werke, die als Nachfolgetitel zum Thema "Liebe" durchaus in Frage kommen. Auch Film-Sachbücher sollten nicht fehlen. Besonders für die Jungen besteht somit eine weitere Motivation, zum Buch zu greifen.





Es gibt sicher noch viele weitere Möglichkeiten,  handlungs- und produktionsorientiert mit Fernsehserien umzugehen. Die vorliegende Auswahl ist auch keineswegs so zu verstehen, dass alle vorgestellten Bausteine hintereinander einzusetzen wären. Dazu sind die Möglichkeiten in den Schulen und die Voraussetzungen des Deutschunterrichtes zu verschieden. Wichtig ist die Umsetzung der Fragestellungen:
  • Wie finden Soap-Operas als lustvolles Spielmaterial den Weg in den Deutschunterricht?

  • Wie kann ein Unterricht gestaltet werden, der diese Serien nicht als "trivialen Quatsch" abtun will, sondern ihren Eigenwert anerkennt und sie vielleicht auch als Chance begreift, auf zunächst ungewohntem Boden Lesen und Schreiben neu zu organisieren?
Eine Ansichtskassette von der Umsetzung des Unterrichtsbeispiels in Peine können Sie anfordern beim Medienmobil, Richthofenstraße 29, 31137 Hildesheim, Tel. 05121 708-345, E-Mail: goslar@nibis.de.

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