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Otmar Gassner, "Der Club der toten Dichter. Sinnliches Erleben eines Buches"
in: Friedrich Jahresheft 1993, S. 46 - 47

Gassner beschreibt einen unkonventionellen Unterrichtsversuch, dessen Ziel nicht eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Text ist, sondern das Bestreben, "eine Auseinandersetzung der Schüler mit sich selbst und ihrer eigenen Situation im Spannungsfeld von Schule, Eltern und eigenen Bedürfnissen auszulösen". Konkret sieht das so aus, daß er die SchülerInnen eine "Phantasiereise" machen läßt: Die Schüler entspannen sich bei klassischer Musik, wählen eine Person aus dem "Club der toten Dichter" aus, mit der sie sich identifizieren, und "durchleben" wichtige Situationen dieser Identifikationsfigur. Ein weiterer Schritt, den Gassner durchführt, ist eine Themenanalyse; dabei läßt er die Schüler solche Stellen des Buches in abstrakter Form zeichnerisch darstellen, die sie persönlich am meisten beeindruckt haben. Ein interessanter Bericht, der Anregungen vermittelt; allerdings ist diese Art Unterricht sicherlich nicht jedermanns Sache.

Text und Methode
Das Buch "Der Club der toten Dichter" von N. H. Kleinbaum ist erst nach dem dazugehörigen Film entstanden, die Autorin ist kaum bekannt, und ästhetisch ist der Text keine Glanzleistung. Dennoch handelt es sich um ein außergewöhnliches Buch, das für meine Schüler zum Kultbuch wurde, zu einem Buch, in dem sie sich selber entdeckten und in mehrfachen Facetten gespiegelt sahen.
Es geht um eine Gruppe von jungen Burschen in einer privaten High School in den USA, in der Leistung, Ordnung und altertümliche Paukmethoden dominieren und die Schüler unter extremem Leistungsdruck stehen. Ein neuer Lehrer, der mit radikal alternativen Methoden arbeitet, bringt die jungen Leute dann in Bewegung und das alte System aus dem Gleichgewicht. Dadurch hat plötzlich gänzlich Neues Raum: Verliebtheit, jugendlicher Eigensinn, eine fast sinnliche Freude am Umgang mit Gedichten, Faszination durch Theaterspielen, aber auch persönliches Scheitern im Selbstmord.
Dieser Text enthält für Sechzehnjährige mehrfache Identifikationsangebote, über die man jugendliche Leser erreichen kann. Mir ging es darum, über den Einsatz verschiedener Medien die Distanz zwischen Text und Leser zu verringern: einerseits den Text erlebbar zu machen, andererseits aber auch das eigene Erleben wieder mit dem Text rückzukoppeln. Dahinter steht meine Überzeugung, daß Bücher nicht ausschließlich (und viele überhaupt nicht) mit dem analytischen Seziermesser bearbeitet werden sollten; ein offener Ansatz ermöglicht eine eher ganzheitliche Erfassung von Texten: Die sinnliche Erlebnisqualität ist wichtiger als das kühle Erkennen und Beschreiben formal-ästhetischer Aspekte.

Phantasiereise mit Musik als Einstiegsmedium
Meine Intention war also keine theoretische Auseinandersetzung mit dem Text; vielmehr sollte dieses Buch eine Auseinandersetzung der Schüler mit sich selbst und ihrer eigenen Situation im Spannungsfeld von Schule, Eltern und eigenen Bedürfnissen auslösen. Um dies zu erreichen, war es nötig, das emotionale Potential des Textes zu erschließen. Die Methode der "Phantasiereise" schien mir geeignet.
Nachdem die Schüler einen großen Teil des Buches gelesen hatten, begann unsere Arbeit am Text. Zum "Canon" von Pachelbel entspannten sich die Schüler - einige im Sitzen, andere im Liegen -, begaben sich auf eine Phantasiereise und versuchten, ihren ganz persönlichen Ort zu finden, an dem sie sich wohlfühlten und ruhig sein konnten. (Wir hatten schon mehrfach Phantasiereisen gemacht, so daß die Schüler mit dem Verfahren vertraut waren.) In diesem Fall verwendete ich die Anleitungen von Violet Oaklander (vgl. Oaklander 1991, S. 13 - 15; Grundsätzliches zu Phantasiereisen im Unterricht findet man auch bei Burow u.a. 1987, S. 40 - 46).
Erst dann erhielten sie die eigentliche Aufgabe: Sie sollten die Personen aus dem "Club der toten Dichter" vor ihrem inneren Auge vorbeiziehen lassen und die Person auswählen, die sie am liebsten sein würden. In der Rolle dieser Person sollten sie anschließend eine oder mehrere für sie wichtige Szenen oder Situationen durchleben. Die Schüler waren angehalten, dabei auf ihre Gefühle zu achten und diese wahrzunehmen. Bei einer solchen Phantasiereise treten die Schüler mit ihrer Innenwelt in Verbindung und reagieren mit Bildern auf die Appellstruktur des Textes. In dieser Phase tritt das Buch teilweise zurück und die persönliche Erlebniswelt des Schülers in den Vordergrund.

Unterricht mit Phantasie
Nach der Phantasiereise tauschten die Schüler in kleinen Gruppen ihre Erlebnisse aus. Die Gruppen faßten diese Gespräche stichwortartig auf großen Plakatbögen zusammen, die während der restlichen Arbeit mit diesem Text an der Wand des Klassenraums aufgehängt blieben. Für die Schüler war dies keine langweilige Charakterisierungsaufgabe, sondern Arbeit an sich selbst mit einem Text. Für mich war diese Phase ebenfalls sehr befriedigend, weil ich meine Schüler als Menschen erleben konnte, die in ihrer Textarbeit als Individuen hervortraten und ernstgenommen werden wollten.
In einer Schlußrunde im Plenum hatten die Schüler die Möglichkeit, über ihre Identifikationsfigur zu sprechen. In meiner Klasse war Todd Anderson für viele Schüler die Person, in der sich der Text mit ihrem Leben schnitt. Also arbeiteten wir an dieser Person: von den privaten Eindrücken der Schüler zur Figur des Buches und wieder zurück. Das Ergebnis war auf jeden Fall dichter und bedeutsamer als es eine "saubere Charakteranalyse" je sein kann, eben weil es sich von der Unverbindlichkeit schulischer Analysen abhob und für den einzelnen Schüler Bedeutung erlangte.
Identifikationen mit Knox Overstreet boten die Möglichkeit, die spezielle Problematik von Dreiecksbeziehungen zu besprechen. Auch hier waren die Beiträge der Schüler ebenso wie meine eigenen persönlich gefärbt.
Interessanterweise identifizierte sich niemand mit Neil Perry, der an seinem dominanten, autoritären Vater scheitert. Das hatte ich vor allem deshalb nicht erwartet, als Neil im Buch eine durchweg positiv gezeichnete Figur ist. Damit wurde aber auch deutlich, wie bestimmend für die Gesamteinschätzung Neils Selbstmord schließlich war.
Damit war eigentlich eine Menge Arbeit mit den Charakteren geleistet und ein günstiger Zugang zum Text eröffnet. Eine weitergehende und alle Figuren umfassende Betrachtungsweise erschien mir nicht zwingend.

Schüler malen Bilder zum Text
Als nächster Schritt sollte die Themenanalyse folgen, wobei die Herausforderung für mich darin bestand, die Aufgabe für jeden einzelnen Schüler bedeutungsvoll zu machen. Wiederum sollten Medien - diesmal allerdings selbst hergestellte - die zentrale Rolle übernehmen.
Die Schüler sollten sich zu Hause eine oder zwei Stellen heraussuchen, die sie persönlich am meisten beeindruckt hatten. Als Zusatz bat ich sie, diese Szene oder Situation zeichnerisch darzustellen. Dabei ging es natürlich nicht um möglichst realistische Darstellung, sondern um die Wiedergabe der Stimmung dieser Szene in einem spontaneren Medium: Formen, Symbole, Farben und deren Beziehungen sollten genügen.
In der folgenden Stunde setzten wir uns in einen Kreis, und die Schüler legten die Bilder vor sich auf den Boden. Nach anfänglichem Schweigen (das die Klasse gruppendynamisch mobilisierte) präsentierte eine Schülerin ihr Bild. In einer ersten Phase versuchten die Mitschüler, vom Bild ausgehend zu erraten, um welche Situation aus dem Buch es sich handeln könnte, und die Malerin reagierte vorerst nur mit knapper Zustimmung oder Ablehnung der vorgetragenen Vermutungen. In einer zweiten Phase beschrieb dann die Schülerin selbst den Zusammenhang zwischen ihrem Bild und der dargestellten Szene aus dem Buch. Schließlich erläuterte sie noch, warum die Szene für sie persönlich so wichtig war.
Auf ähnliche Weise kamen etwa sechs, sieben Schüler in einer Stunde zu Wort, und wir besprachen anhand dieser persönlichen Schlüsselszenen die für diese Lesergruppe wichtigsten Themen. Zentral war hier sicherlich der junge Mensch zwischen autoritärer Unterdrückung und Selbstfindung, wobei der Akzent durchaus auf den positiven Szenen lag: etwa wenn Keating dem unsicheren Todd ein Gedicht abringt und damit seinen Selbstfindungsprozeß in Gang bringt; oder die Szene, in der Knox in die Mädchenklasse von Chris hineinplatzt und sein Liebesgedicht vorträgt.
Abschließend wurden in einem zusammenfassenden Gruppengespräch die wichtigsten Themen gesammelt und auf einem großen Papierbogen notiert. Die Schüler markierten die für sie persönlich wichtigsten drei Themen mit farbiger Wachskreide. Damit war ein visueller Schlußpunkt unter diese Einheit gesetzt.

Film und Buch
Es lag nahe, auch den Film einzusetzen. Hier ging es mir aber nur darum, klarzumachen, wie ein Film, der ja mit Bildern arbeitet, das an sich offene Angebot visueller Realisierungen einer Textstelle auf eine Variante einengt.
Aus der eingangs skizzierten Identifikationsübung und der Themendiskussion war ersichtlich, daß die oben angesprochene Szene zwischen Todd und Keating viele Schüler der Klasse beeindruckt hatte. Ich spielte das Videoband auf diese Szene ein und bot sie den Schülern noch einmal als Phantasieübung an.
Diesmal sollten sie sich vor allem auf die visuellen Elemente konzentrieren. Sie sollten also bewußt darauf achten, wie die Personen gekleidet waren, wie groß sie waren, wie und wo sie sich bewegten, wie der Raum aussah, etc.
Ich führte die Schüler einleitend an die Szene heran, las den Text langsam vor. Nach der Filmvorführung ging die Gruppe aus dem Vorführraum wieder in die Klasse zurück und tauschte paarweise ihre Erfahrungen aus. Anschließend sahen wir uns die Szene im Film an.
In der Aufarbeitung wurde allen klar, wie verschieden ihre persönlichen Bilder, ihr eigener Film, wenn man so will, von den Bildern des Regisseurs, dem Film eben, waren. Diese Verschiedenheit einmal exemplarisch zu erfahren war wichtig, nicht die Frage, welche Version die bessere sei.

Literatur
Burow, O. A./H. Quitmann/M. P. Rubeau: Gestaltpädagogik in der Praxis. Unterrichtsbeispiele und spielerische Übungen für den Schulalltag. Salzburg 1987.
Kleinbaum, N. H.: Der Club der toten Dichter. Bergisch Gladbach 14 1992.
Oaklander, V.: Gestalttherapie mit Kindern und Jugendlichen. Stuttgart 1991.


 
 

 

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