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Hans Stempel, "Der Club der toten Dichter"
in: epd Film, 7. Jahrgang, 2/90, S. 32

Es handelt sich hierbei um eine salopp ge-schriebene Filmkritik, in der Peter Weirs Film auf weite Strecken recht negativ beurteilt wird. Abschließend wird dem Film jedoch bescheinigt, daß er "anzurühren vermag". Bliebe anzumerken, daß der Rezensent etwas Probleme mit den Namen der jugendlichen Filmhelden hat: so verwechselt er Chris mit Gloria und Todd Anderson mit Neil Perry.

Das Strickmuster ist nicht unbekannt: Ein Fremder kommt an, bricht ein in eine verharschte Familie, in eine erstarrte Gruppe, erweckt durch seine Erscheinung die toten Seelen und verschwindet wieder, hinter sich lassend Staunende und Verstörte. Es ist ein klassisches Novellenthema, das auch vom Film aufgegriffen wurde, etwa in PICNIC oder TEOREMA.
Diesmal ist Ort der Handlung ein Internat in den anmutigen Hügeln Vermonts, ein Internat vornehmlich für die Söhne der Herrschenden, gestützt auf die Pfeiler Tradition, Honour, Discipline, Excellence. Eben dieses Gebäude droht einzustürzen, als John Keating, ein junger Englischlehrer, erscheint, dessen Lehrmethode ebenso unkonventionell ist wie sein Weltverständnis. Lernen genügt nicht, Erkennen und Leben sind ebenso wichtig, und zwar jetzt. Als Medium dient die Poesie. Keatings Motto: carpe diem, sein Vorbild: Walt Whitman.
Während der schwule Graubart von der Stirnseite der Klasse vielsagend auf die Jungen herunterblickt, lehrt Keating nach der Whitmanschen Devise "Resist much, obey little", animiert er die Schüler, aus dem Gleichschritt zu tanzen, Gedichte zu schreiben. Und schon bald gründen sie einen "Club der toten Dichter", versammeln sich heimlich in einer abgelegenen Höhle, wo es romantisch, allzu romantisch, nebelt und blubbert.
Doch es bleibt nicht bei der literarischen Pose, einige der Schüler versuchen ihre Träume zu realisieren. Für Knox Overstreet ist es die Liebe zu Gloria, die schließlich begreift, daß sensible Männer die besseren Liebhaber sind. Für Todd ist es die uneingestandene Neigung zu Neil, der wiederum als Schauspieler debütieren möchte, was ihm sein kleinbürgerlicher Vater strikt verbietet. Als Neil wider den Stachel löckt, in einer Aufführung des "Sommernachtstraums" mitspielt, schlägt sein Vater zurück. Neil soll auf eine Militärakademie versetzt werden. Sich in der Falle fühlend, erschießt er sich mit dem Revolver seines ehrenwerten Vaters.
Es folgt eine Sequenz, die beispielhaft zeigt, wie souverän Peter Weir Emotionen zu steuern versteht. Todd, der Neils Tod nicht begreifen, nicht verarbeiten kann, stolpert, gestützt von seinen Mitschülern, in eine verschneite Landschaft, weint, kotzt und flieht schließlich allein in die weiße Weite. Jede Einstellung ist graphisch wie farblich subtil harmonisiert, so wird der Schmerz aufs nobelste sublimiert.
Da aber die Ehre des Internats obsiegen soll, muß ein Sündenbock gefunden werden. Keating, der Außenseiter, er ist der Schädling, der Jugendverführer. Nachdem der Schuldspruch aufgesetzt wurde, wird jeder Schüler in Anwesenheit seiner Eltern genötigt, erpreßt, den Text zu unterschreiben. Man darf an McCarthy denken.
Keating wird relegiert, das Internat scheint in die alte Stumpfheit zurückzufallen. Der Direktor persönlich übernimmt den Englischunterricht, greift zur verstaubten Poetik, vermißt wieder die Verse mit Meter und Elle. Wie zufällig kommt Keating noch einmal in den Klassenraum, irgendwo muß noch ein Teil seiner Habe liegen. Die Jungen spüren ihr Gewissen, und ein Teil von ihnen, die gestern noch Keating verraten haben, erinnern sich ihres besseren Ichs, springen in einem Akt anarchischer Solidarität auf die Tische, um Keating ihre Sympathie zu bezeugen. Und während Maurice Jarre die Musik anschwellen läßt wie in einem Oratorium, damit sich auch die Herzen der Zuschauer erheben, friert das Bild ein, als schäme es sich, länger ausgebeutet zu werden.
Die schöne Selbstverständlichkeit, mit der Peter Weir traditionelle Stilmittel einsetzt, ist Stärke und zugleich Schwäche des Films. Gelegentlich kommt er ins Schlingern, wenn er den indian summer zu deftig ins Bild zieht, wenn er Vogelschwärme Unruhe ankündigen läßt. Einmal stürzt Weir auf seiner Gratwanderung sogar ab, als er Todd, der entschlossen ist, sich zu töten, das Antlitz Christi verleiht, indem er die Blumenkrone, die Todd eben noch als Puck trug, in eine Dornenkrone verwandelt.
Wenn der Film dennoch anzurühren vermag, einige seiner Bilder sogar haften bleiben, dann liegt es wohl an dem moralischen Impetus Peter Weirs, der die Handlung nicht zufällig im Jahre 1959 ansiedelte, als er, 1944 geboren, fast so alt war wie die Schüler, die er porträtiert. Es ist die Zeit, die etwa in der Mitte liegt zwischen der Hexenjagd McCarthys und der amerikanischen Studentenrevolte.

 
 

 

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