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Ortwin Thal, "Frei sein für sich selbst. Der Club der toten Dichter"
in: merz 3/90, S. 164 - 168

Es handelt sich bei diesem Aufsatz um eine Filmkritik, in die auch andere Filme des Regisseurs Peter Weir einbezogen werden. Thal stellt fest, daß Weirs Film "absolut konservativ und konventionell" ist und daß "alle Register der Emotionalisierung gezogen (werden)", daß es aber trotzdem ein Film ist, "der anrührt, weil er beharrlich die Gefühle seiner fiktiven Figuren ernst nimmt".

"Hinüber wall ich und jede Pein wird einst ein Stachel der Wollust sein" (Novalis)

Peter Weirs neuer Film hat erstaunlich viel mit Novalis zu tun. Im Gegensatz zu der mythischen Verklärung, die den deutschen Romantiker im vergangenen Jahrhundert umgab, hat die jüngere Novalis-Forschung in Georg Friedrich von Hardenberg mittlerweile einen Vorläufer der Moderne entdeckt. Das Lebensgefühl der Entfremdung und die verstellte Wahrnehmung, so Novalis, können nur aufgebrochen werden, wenn das Alltägliche und Gewöhnliche mit dem Geheimnisvollen und Rätselhaften konfrontiert wird. Diese Verfremdung macht die scheinbar enträtselte Welt wieder auffällig: der Blick wird freigegeben. So ähnlich könnte man auch das Kino Peter Weirs beschreiben.
Zu einem verstellten Blick gehören auch die "toten Wiederholungen" (Novalis) von Sprache und Wissenschaft, die das Verstehen so konditionieren, bis Spontaneität und Phantasie vollständig gelähmt sind. In Peter Weirs Film ist es die Theorie des Versmaßes, mit der die Schüler eines amerikanischen Internats traktiert werden. Mit dieser obskuren Gebrauchsanweisung für Poesie läßt sich der inhaltliche und künstlerische Wert eines Gedichtes ganzflächig auf einer x-y-Koordinate abbilden, um zum Beispiel die Überlegenheit der Shakespeareschen Versform gegenüber einem Gedicht von Byron wissenschaftlich zu beweisen. Gelehrt wird dieser Nonsens an einer Eliteschule Ende der fünfziger Jahre, und die Schüler, die für Führungsaufgaben der Gesellschaft programmiert werden, treten noch mit Bannern in die Aula des Lehrinstituts, auf denen "Tradition", "Honor", "Discipline" und "Excellence" stehen.

Ein seltsam zeitloser Film
Tradition, Ehre, Disziplin und Leistung sind die Koordinaten in einem Erziehungssystem, das in Peter Weirs seltsam zeitlosen Film fast schon darauf wartet, durch eine Revolte gesprengt zu werden. Und genau diese Erwartungshaltung ist es auch, die sich schon in die ersten Bilder des Films einschleicht. Peter Weirs Film ist nämlich absolut konservativ und konventionell. Konventionell, weil Weir seine Geschichte so erzählt, daß der nächste Schritt, die nächste Wendung der Story, schon erwartet werden. Nichts ist überraschend; jedes Bild und jede Szene vermitteln das Gefühl, alles schon einmal gesehen zu haben, nichts Neues zu erfahren. Und auf irritierende Weise konservativ ist der "Club der toten Dichter" allein schon deswegen, weil dieses permanente déjà-vu-Gefühl auch noch durch ein altbackenes Sujet abgerundet wird: Die Schüler eines idyllisch gelegenen Internats in Vermont werden durch die Kraft der Poesie zu Selbsterfahrung und Spontaneität angehalten, bis das verkrustete System zurückschlägt und den von ihnen verehrten Lehrer feuert. Dies hat wenig mit Lindsay Andersons "... if" zu tun, und auch soziokulturell hat Weir außer einigen Versatzstücken nicht das geringste Interesse an einer realistischen Rekonstruktion der fünfziger Jahre gezeigt. Während die amerikanische Linke von den Nachwirkungen der McCarthy-Ära geprägt wird, präsentiert uns Peter Weir ein Bild der Fünfziger, in dem allein schon die Verse Walt Whitmans ausreichen, um eine Revolution in den Köpfen von einigen Schülern auszulösen. Und noch weniger hat "Der Club der toten Dichter" mit der Liberalität einer permissiven Gesellschaft zu tun, die dafür gesorgt hat, daß kulturelle Phänomene in wunderschöner Gleichberechtigung einem unverbindlichen Konsum zur Verfügung stehen. Warum dann also ein Film, der das Pathos der moralischen Revolte auch noch in einem fast peinlich altmodischen Schlußbild fixiert, das zu anschwellender Musik die Schüler protestierend auf ihre Bänke steigen läßt, um diese harmlose und antiquierte Geste des Widerstands durch scheinbar genau kalkulierte Emotionalität zuzukleistern?

Vom Einbruch des Ungewöhnlichen
Peter Weirs Filme handeln fast immer vom Einbruch des Ungewöhnlichen in eine Welt, die sicher ist und ohne Geheimnisse und Magie auskommt. In "Picnic at Hanging Rock" (Picknick am Valentinstag, 1975) verschwinden für E. A. Poe schwärmende Schülerinnen und ihre Lehrerin bei einem Ausflug spurlos - es gibt kein Motiv, keine Erklärung. In "The Last Wave" (Die letzte Flut, 1977) wird die zivilisatorische Selbstgewißheit eines jungen australischen Rechtsanwalts durch das magische Weltbild der Aborigines verunsichert. Die Schatten und Träume nehmen zunehmend Realität an und legen eine zweite Wirklichkeit hinter der vertrauten Welt frei. Am Ende bleibt es unklar, ob sich die Apokalypse des Weltuntergangs faktisch vollzieht oder nur als halluzinatorische Vision erlebt wird. "Witness" (Der einzige Zeuge, 1985) zeigte, daß Weir auch kompakte Genre-Unterhaltung subtil unterlaufen kann: Zynismus, Sprache und Kultur eines Cops werden durch die Gewaltfreiheit und religiöse Kultur der Amish People unterwandert, ohne daß sich letztlich etwas an den Spielregeln der Gewalt ändert. Zurück bleiben die Momente der Berührung durch das Andersartige; Irritation und Nachdenklichkeit, die den Blick verändert haben.
In "Club der toten Dichter" wird das Fremdartige durch John Keating repräsentiert, einen Englischlehrer, der an das Internat seiner Jugend zurückkehrt und durch unkonventionelle Lehrmethoden beharrlich die fortschreitende Konditionierung seiner Schüler aufbricht. Keating führt konsequent sein Motto "carpe diem" (Nutze den Tag) in den reglementierten Schulalltag ein. Sein Vorbild ist Walt Whitman, der demokratische Vorbereiter einer amerikanischen Nationalliteratur, der in seinen Gedichten einen radikalen Bruch mit dem traditionellen Versmaß vollzog. Whitmans Plädoyer für ein Leben im Hier und Jetzt, für Individualität und Freiheit wird von Keating konsequent in die Praxis umgesetzt. Vor den endlosen Jahrgangsfotos längst vergangener Generationen erklärt er den Schülern, daß sie ohne den Mut zum "carpe diem" banales Futter für die Würmer werden. Das Herausreißen der Gebrauchsanweisungen für Lyrik aus dem Englischbuch wird zur lustvollen Befreiung vom kruden phantasietötenden Kulturvollzug. Körper und Geist werden als Ganzes erlebt: Fußballspiel und Gedichtrezitation können in John Keatings Unterricht simultan vollzogen werden.
Keatings Methoden werden Schritt für Schritt zur Umsetzung eines lyrischen und damit schließlich in der Realität spontan erlebten Lustgefühls. Zunächst zaghaft, dann aber mit zunehmendem Selbstbewußtsein, lösen sich die Schüler aus ihren programmierten Biographien. Heimlich treffen sie sich in einer Höhle und gründen dort erneut den "Club der toten Dichter", ein Rezitationstreffen, bei dem sich anarchisches Lebensgefühl in harmlosen Gesten des Widerstands äußert. Langsam wird die Konditionierung aufgeweicht: Neil, der nicht Medizin studieren will, sondern Schauspieler werden möchte, nimmt heimlich eine Rolle in einer Amateuraufführung des "Sommernachtstraums" an. Todd, der nicht frei vor der Klasse sprechen kann, erfährt, daß er wie viele Schüchterne eigentlich viel mehr zu sagen hat als die Extrovertierten. Knox findet heraus, daß die sensible Aura des Poeten auch bei den ersten erotischen Gehversuchen zu vielversprechenden Ergebnissen führt. Charlie schließlich, der mokantzynische Pragmatiker, verwandelt sich in einen literarischen Guru, der offen den Aufstand wagt.
Als Neil in der Rolle des Pucks die Premiere des "Sommernachtstraums" zu einem Erfolg werden läßt, kommt es zur Katastrophe. Der ehrgeizige Vater will seinen Sohn auf die Militärakademie schicken, Neil erschießt sich noch in der gleichen Nacht. Von den Eltern und der Schulleitung moralisch erpreßt, müssen die Schüler Falschaussagen über Keatings Lehrmethoden unterzeichnen. Keating wird entlassen, kehrt aber noch einmal in sein altes Klassenzimmer zurück, und gemäß Whitmans Überzeugung, daß die moralische Kraft des Menschen stärker ist als die Unfreiheit, springen einige Schüler auf die Bänke, um sich solidarisch zu ihrem Lehrer zu bekennen.
"Unendliches Leben kommt über mich. Ich sehe von oben herunter auf Dich". Auch diese Verse, die mir bei Weirs Schlußbild eingefallen sind, wurden von Novalis geschrieben. "Das Unbekannte", so Novalis, "ist der Reiz des Erkenntnisvermögens". Und Peter Weirs Umsetzung dieses literarischen Konzepts besitzt die emotionalen Qualitäten, die vorbei am Kopf des Zuschauers auf jene Irritation setzen, die dann ausgelöst wird, wenn das Vertraute in den Sog des Geheimnisvollen gerät.

Eine gewagte Emotionalität
Im "Club der toten Dichter" werden alle Register der Emotionalisierung gezogen. Dies beginnt schon mit der konventionellen Erzählform, die sich im Handlungsaufbau auf traditionelle Spannungsbögen des Psychodramas verläßt: Ein Fremder bricht in eine hermetische Gruppe ein, verändert sie und verschwindet nach dem finalen Konflikt, allerdings nicht, ohne eine bedeutungserzeugende Reaktion der Betroffenen auszulösen. Das Fremde und Irritierende, das eine Kettenreaktion innerhalb dieser geschlossenen Gruppe auslöst, macht allerdings vor der filmischen Form halt. Die Handlungsentwicklung nähert sich nach einigen komödiantischen Elementen konsequent der tragischen Lösung des Konflikts, dem tödlichen Höhepunkt, um dann in die Katharsis einzumünden. Dieses altmodische Strickmuster, das überwiegend durch eine realistisch-psychologische Erzählweise ergänzt wird, spult die Geschichte konventionell ab. Es scheint, als hätte Peter Weir die strenge Struktur konstruiert, um die langsame Persönlichkeitsentwicklung seiner Protagonisten um so genauer beobachten zu können und den Zuschauer, der durch die Hermetik des Geschehens zwangsläufig seine Distanz aufgibt, zur emotionalen Identifikation zu zwingen. Wie auch in anderen Filmen Weirs erhält dabei die Natur eine metaphorische Bedeutung. Wenn die Jungs nachts in ihre Höhle schleichen, wabbert grauer Nebel geheimnisvoll im dunklen Wald. Der langsame Aufbruch zur Befreiung findet im Sommer statt, die Tragödie ereignet sich im tiefsten Winter. Und wenn Todd nach Neils Tod sich in den Schnee übergibt und weinend und schreiend in die nächtliche Winterlandschaft läuft, verliert er sich in einer statischen Totale. Wie in der Romantik ist das Äußere bei Weir ein Abbild des Inneren, und das materialistische Weltbild erweist sich letztlich als ungeeignet, die Mysterien des Lebens zu verstehen.
Wer mit solchen Mitteln arbeitet, beschreitet einen schmalen Grat. Auch bei Weirs mythischen Bildern beschleichen den Zuschauer gelegentlich leise Zweifel. Neils Selbstmord, den Peter Weir wie einen rituellen Akt romantischer Todesverklärung inszeniert, ist zum Beispiel hart an der Grenze des Erträglichen.
Trotzdem ist "Der Club der toten Dichter" ein Film, der anrührt, weil er beharrlich die Gefühle seiner fiktiven Figuren ernst nimmt. Das liegt nicht zuletzt auch an den Darstellern, von denen besonders Robin Williams hervorzuheben ist, der die Figur des John Keating mit einem lebensnahen, praktischen und lustbetonten Humor ausstattet. Die kontrollierte Anarchie des "carpe diem" macht auch das pathetische Schlußbild wieder erträglich, das durchaus auch desillusionierende Qualitäten besitzt. Denn tatsächlich steigen ja nicht alle Schüler solidarisch auf die Bänke. Es ist nur die Hälfte der Klasse, die aufbegehrt. Mut und Korrumpierung liegen eben ziemlich nah beieinander, und die paritätische Reaktionsweise der Klasse entspricht, pragmatisch betrachtet, ungefähr dem, was man von Menschen unter solchen Umständen erwarten darf.


 
 

 

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