Englisch in der Grundschule
Dokumentation des Lernstandes:
Bewertung, Benotung, Portfolio

1. Begründungszusammenhang
2. Beschreibung der Kompetenzstufen
3. Prozessorientierte Bewertung
  3.1 Beobachtung des Leistungsverhaltens
  3.2 Überprüfung des Lernstandes
  3.3 Selbsteinschätzung der Schülerinnen und Schüler
4. Das Sprachenportfolio
  4.1 Charakteristische Merkmale eines Sprachenportfolios
  4.2 Gründe für den Einsatz eines Portfolios
  4.3 Das europäische Portfolio
  4.4 Das niedersächsische Portfolio
5. Literatur
  
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Ein an Kompetenzerwerb orientierter Unterricht bietet den Schülerinnen und Schülern durch geeignete Aufgaben einerseits ausreichend Gelegenheiten, Problemlösungen zu erproben, andererseits fordert er den Kompetenznachweis in Überprüfungssituationen ein. Dies schließt die Förderung der Fähigkeit zur Selbsteinschätzung der Leistung ein.

(Kerncurriculum für die Grundschule - Englisch, Kapitel 5)

  1. Konzeptionelle Überlegungen zum Fremdsprachenunterricht

Der Fremdsprachenunterricht in der Grundschule ist in Niedersachsen etabliert und gehört im dritten und vierten Schuljahrgang mit zwei Wochenstunden zu den Pflichtfächern. In der Regel wird Englisch als erste Fremdsprache unterrichtet.

Der Fremdsprachenunterricht ist eingebunden in das Gesamtkonzept des Gemeinsamen europäischen Referenzrahmens für Sprachen (GER). Dieser unterteilt die Fremdsprache in vier grundlegende Kompetenzbereiche: Hörverstehen, Sprechen, Leseverstehen, Schreiben. Jeder dieser Kompetenzbereiche beschreibt auf sechs aufeinander aufbauenden Niveaustufen die angestrebten Kernkompetenzen. Eine Kompetenz ist eine komplexe Fähigkeit, die sich aus richtigem fremdsprachlichen Wahrnehmen und Reagieren sowie aus begründetem Urteilen und Handeln-können zusammensetzt. Ein so verstandener Kompetenzbegriff beinhaltet personale, fachliche und soziale Kompetenzen und führt schließlich zu einer interkulturellen Handlungskompetenz.

Zielsetzung einer auf dem GER basierenden Fremdsprachendidaktik ist ein systematischer Wissensaufbau, der Lernfortschritte vom Einfachen zum Komplexen ermöglicht.

Ein kompetenzorientierter Unterricht bedingt, dass Wissensstände abprüfbar sind und ein Wissenszuwachs (Progression) in allen vier grundlegenden Kompetenzbereichen erkennbar wird. Bei der Unterrichtsorganisation ist darauf zu achten, dass die vier Kompetenzbereiche nicht isoliert, sondern integrativ behandelt werden.

Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen (GER)

Der Englischunterricht der Grundschule zielt auf eine elementare sprachliche und interkulturelle Handlungsfähigkeit und muss die Voraussetzungen schaffen, die Anforderungen der Curricularen Vorgaben zu erfüllen und somit den Übergang zur weiterführenden Schule erfolgreich zu bewältigen. Hierzu ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Grundschulen und weiterführenden Schulen erforderlich, um Lerninhalte und methodische Konzeptionen aufeinander abzustimmen.

Kerncurriculum Grundschule
Kerncurriculum Hauptschule
Kerncurriculum Realschule
Kerncurriculum Gymnasium
Kerncurriculum Integrierte Gesamtschule
Weitere curriculare Vorgaben

Der Erlass "Zeugnisse in den allgemein bildenden Schulen" vom 24.05.2004 (SVBl 7/2004) legt im Punkt 5.1.3 fest, dass im dritten Schuljahrgang die Teilnahme am Fremdsprachenunterricht ohne Bewertung im Zeugnis bescheinigt wird. Im vierten Schuljahrgang erfolgt die Bewertung durch eine Note, die jedoch nicht versetzungsrelevant ist.

Wie werden die von den Schülerinnen und Schülern erbrachten Leistungen unter Berücksichtigung der didaktisch-methodischen Prinzipien der Grundschule angemessen bewertet?  

"Benotung der Pflichtfremdsprache Englisch in der Grundschule"
von Carmen Becker und Dieter Krohn
  

Arbeitsanweisung

Lesen Sie den Aufsatz "Benotung der Pflichtfremdsprache Englisch in der Grundschule" von Carmen Becker und Dieter Krohn sowie das Kapitel "Leistungsfeststellung und Leistungsbewertung" des Kerncurriculums. Stellen Sie daraus die wichtigsten Aspekte für einen Elternabend zusammen!

  2. Beschreibung der Kompetenzstufen

Die erwarteten Kompetenzen beziehen sich auf den Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen (GER), der in den Kompetenzbereichen Hören, Lesen, Sprechen (an Gesprächen teilnehmen), Schreiben (Schriftliche Textproduktion), Zusammenhängendes Sprechen und Schreiben (kreatives Schreiben) erwartete Lernergebnisse in sechs Niveaustufen von A1 bis C2 beschreibt.

Auf dieser Grundlage werden im Kerncurriculum für die Grundschule die am Ende des vierten Schuljahres erwarteten Kompetenzen detailliert beschrieben.

Beschreibung der erwarteten Kompetenzen (Kerncurriculum Grundschule, S. 19)

Der Gemeinsame europäische Referenzrahmen geht von einem systematischen Wissensaufbau aus, in dem Lernprozesse so organisiert werden, dass sie aufeinander aufbauen. Die Beschreibungen der Kompetenzen definieren das Wissen und Können, das notwendig ist, um in der weiterführenden Schule erfolgreich weiterlernen zu können.

Die Kerncurricula der weiterführenden Schulen beschreiben die Kompetenzen, über die Schülerinnen und Schülern jeweils am Ende von Doppeljahrgängen verfügen sollten.

Übersicht zum Kompetenzaufbau im Sekundarbereich I
(Kerncurriculum Realschule, S. 32-33)

Hinweise zur Bewertung

Bei der Leistungsmessung und -bewertung ist auf eine angemessene Gewichtung der Leistungen der unterschiedlichen Fertigkeiten zu achten. Die Leistungen im Bereich des Hör- und Hör-/Sehverstehens fließen am stärksten in die Zeugnisnote ein. Ebenfalls bedeutsam für die Leistungsermittlung ist das Sprechen. Nur geringfügig Einfluss auf die Zeugnisnote hat das wiedererkennende Lesen. Das Schreiben, ob nun frei oder nach Vorlage, wird NICHT in der Zeugnisnote berücksichtigt. Die Gewichtung der einzelnen Leistungen bei der Festlegung der Zeugnisnote sowie bei der Bewertung der Lernkontrollen wird innerhalb der Fachkonferenz vereinbart. Die Kriterien der Leistungsbewertung müssen den Schülerinnen und Schülern sowie den Erziehungsberechtigten im Vorfeld erläutert werden.

Eine gute Leistung liegt vor, wenn die Schülerin oder der Schüler die Aufgaben in den Kompetenzbereichen Hören, Sprechen, wieder erkennendes Lesen und Schreiben in der Regel schnell und weitestgehend fehlerfrei bewältigt.

Eine ausreichende Leistung liegt vor, wenn die Schülerin oder der Schüler die Aufgaben in den Kompetenz­bereichen Hören, Sprechen und wiedererkennendes Lesen in einem überschaubaren Zeitraum und mit angemessener Unterstützung bewältigt.

Arbeitsanweisung

Formulieren Sie für Ihre aktuelle Unterrichtseinheit die Ziele, die der Kompetenzstufe A1 entsprechen!

  

  3. Prozessorientierte Bewertung

Sollen die Schülerinnen und Schüler Verantwortung für den eigenen Spracherwerbsprozess übernehmen und zu seiner Optimierung befähigt werden, muss auch die Bewertung ihrer Leistungen prozessorientiert erfolgen.

Die prozessorientierte Bewertung der Leistung steht auf drei Säulen:

  • Systematische und kontinuierliche Beobachtung des Leistungsverhaltens
  • Aufgaben zur Überprüfung des Lernstandes
  • Selbsteinschätzung Schülerinnen und Schüler

3.1 Beobachtung des Leistungsverhaltens

Die systematische und kontinuierliche Schülerbeobachtung wird mithilfe von formellen, vorstrukturierten Beobachtungsbögen zum Hörverstehen, zur Sprechfertigkeit und zu ersten Formen des wieder erkennenden Lesens vorgenommen. Hierbei geht es um eine Dokumentation der Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler und nicht um das Feststellen von Fehlern. Die Beobachtungen werden während des Unterrichts oder in Frei­arbeitsphasen durchgeführt. Die Lehrkraft nimmt sich gezielt vor, einzelne Kinder genauer zu beobachten und trägt die Beobachtungen in den Beobachtungsbogen ein. Die Bögen werden mit einem Datum versehen und gesammelt. Nach und nach ergibt sich so ein sehr individuelles Bild der sich entwickelnden Kompeten­zen der Schülerinnen und Schüler. Die gezielten Beobachtungen dienen dazu, subjektive Einschätzungen zu korrigieren.

Die Fertigkeitsbereiche Sprechen, zusammenhängendes Sprechen und an Gesprächen teilnehmen werden dabei mindestens zweimal pro Halbjahr mithilfe von Beobachtungsbögen dokumentiert. Dabei sind folgende Aspekte in die Leistungsbewertung einzubeziehen: Verstehbarkeit, Situationsangemessenheit, kommunikativer Erfolg, Spontaneität und Originalität.
Auch die Leistungen im Fertigkeitsbereich Hör- und Hör-/Sehverstehen werden mindestens zweimal pro Halbjahr mithilfe von Beobachtungsbögen dokumentiert.

Beobachtungsbögen zu den Kompetenzbereichen Hörverstehen, Sprechen und Lesen

3.2 Überprüfung des Lernstandes

Mit gezielte Lernkontrollen wird der Lernstand im Bereich der rezeptiven Kompetenzen Hör- und Hör-/Sehverstehen und Lesen überprüft. Dazu sollen 4 -6 Lernkontrollen von jeweils maximal 10 Minuten Dauer im Verlauf eines Schulhalbjahres durchgeführt werden.

Die Lernkontrollen beinhalten immer die Möglichkeit der Selbsteinschätzung der eigenen Leistung. Nach der Auswertung kann jeweils ein Gespräch über den Lernstand geführt werden. Gemeinsam wird überlegt, welcher Anstrengungen es bedarf, die Leistung in den überprüften Kompetenzen zu verbessern. Das regelmäßige Feedback und das Gespräch über Fremd- und Selbsteinschätzung schult darüber hinaus die Fähigkeit zur Selbstevaluation.

Der folgenden Tabelle sind Aufgabenbeispiele zur Überprüfung einzelner Kompetenzbereich zu entnehmen. Bei der Gestaltung von Lernkontrollen muss darauf geachtet werden, dass die Anforderungsbereiche Reproduzieren, Zusammenhänge herstellen und Verallgemeinern sowie Reflektieren angemessen berücksichtigt werden.

Kompetenzbereich

Themenkreis

Fertigkeiten

Erwartete Kompetenz

Material

Hörverstehen

Pets / Farm Animals

Hörverstehen auf Wortebene. Identifikation von Schlüsselvokabular.

Die Schülerinnen und Schüler (S.) verstehen die Wörter für Haustiere und zeigen auf die entsprechenden Bilder.

H1


Pets/ Numbers 1-10

Hörverstehen auf Wortebene. Identifikation von Schlüsselvokabular.

Die S. verstehen die Wörter für Zahlen im Bereich von 1-10 sowie die Wörter für Haustiere und ordnen sie einander zu.

H2

School/ Classroom Language

Hörverstehen auf Satzebene. Identifikation von Satzstrukturen.

Die S. verstehen einfache Aufforderungen der alltäglichen Unterrichtssprache und ordnen sie entsprechenden Abbildungen zu.

H3

 

Pets/ Likes and Dislikes

Hörverstehen auf Satzebene. Identifikation von Satzstrukturen.

Die S. verstehen, wenn jemand Vorlieben und Abneigungen für bestimmte Haustiere äußert.

H4

Pets / Colours and Numbers from 1-100

Hörverstehen auf Satzebene. Verstehen von einfachen Beschreibungen. Verstehen des Schlüsselvokabulars.

Die S. verstehen, wenn jemand über Alter und Farbe seines Haustiers berichtet.

H5

Hörbeispiele als selbstentpackendes Archiv (2,8 MB)

Sprechen

Pets

Monologisches Sprechen (Produktion), sich und andere vorstellen, Tiere beschreiben

Die S. stellen Haustiere oder Lieblingstiere vor.

S1

At a Kiosk/Snackbar Wortschatz und Satzstrukturen Die S. führten ein einfaches Einkaufsgespräch, begrüßen jemanden und verabschieden sich.

S2

beliebig Monologisches Sprechen (Reproduktion) Die S. sprechen Reime oder Chants.

S3

Lesen Clothes

Wiedererkennendes Lesen von Wörtern und Zuordnen zu den entsprechenden Bildern

Die S. ordnen das Schriftbild einem Bild zu.

L1

Animals/Colours Wiedererkennendes Lesen und Ausführen von Arbeitsanweisungen Die S. erkennen schriftliche Anweisung von mündlich gefestigten und gespeicherten Sätzen wieder.

L2

Food, Likes and Dislikes, Hobbies

Wiedererkennendes Lesen von kleinen Dialogteilen und Zuordnen von Bildern.

Die S. erkennen Dialogteile im Schriftbild wieder, die im Lautbild gefestigt und gespeichert sind und ordnen sie Bildern zu.

L3

beliebig

Wiedererkennendes Lesen von eingeübten Dialogteilen. Ordnen der Dialogteile.

Die S. erkennen kurze Dialogteile im Schriftbild wieder, die im Lautbild gefestigt und gespeichert sind. Sie bringen diese in die Reihenfolge, in die der Dialog eingeübt wurde.

L4

Hörverstehen, Sprechen, Lesen diverse

Dialogisches Sprechen (Sprachproduktion), jemanden um etwas bitten, etwas anbieten, etwas ablehnen, Bedauern ausdrücken

Die S. verstehen Fragen und beantworten sie, stellen Fragen und verstehen die Antworten, wenden den gelernten Wortschatz an und benutzen Höflichkeitsformen. Sie erkennen die Schriftbilder des gelernten Wortschatzes.

HSL1

3.3 Selbsteinschätzung der Schülerinnen und Schüler

Maßnahmen zur Leistungsfeststellung im Fach Englisch dienen dem Ziel, die Schülerinnen und Schüler zu einer treffenden Selbsteinschätzung (self-assessment) zu führen. Die Verwendung eines Europäischen Portfolios der Sprachen, insbesondere der Sprachenbiografie, unterstützt dieses Bemühen. Lernkontrollen sowie die systematische und kontinuierliche Beobachtung des Leistungsverhaltens unter Verwendung von Beobachtungsbögen erfassen und dokumentieren die erworbenen Kompetenzen der Lernenden in den kommunikativen Fertigkeiten zu einem festgelegten Zeitpunkt.

(Kerncurriculum für die Grundschule - Englisch, S. 17)

Die Selbsteinschätzungsbögen werden in regelmäßigen Abständen (ca. 4 - 5 mal pro Halbjahr) ausgefüllt, damit die Kinder Selbsteinschätzung systematisch trainieren und dadurch für ihren eigenen Lernprozess sensibilisiert werden. Ein Portfolio kann in regelmäßigen Abständen zum Feedback genutzt werden, indem Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler ihre Beobachtungen, Einschätzungen und die Ergebnisse der Aufgaben zur Überprüfung des Lernstandes miteinander vergleichen. Schülerinnen und Schüler, die sich in ihrer Lernentwicklung ernst genommen fühlen, gewinnen ein Zutrauen in die Fähigkeiten, ihren Spracherwerbsprozess reflektieren und steuern zu können. Sie erkennen, welche Strategien für den Erwerb von Englisch als Fremdsprache wichtig sind und wie gut sie diese beherrschen.

Arbeitsanweisung

Entwickeln Sie zu einem ausgewählten Themenkreis Aufgaben zur Überprüfung des Lernstandes. Berücksichtigen Sie dabei die drei Kompetenzbereiche "Hörverstehen, Sprechen und Lesen". Erproben Sie diese Aufgaben in Ihrem Unterricht und reflektieren Sie die Ergebnisse!

  

  4. Das Sprachenportfolio

Ursprünglich kommt der Begriff „Portfolio“ aus dem Italienischen oder „Portefeuille“ aus der französischen Sprache. Er steht veraltet für Brieftasche oder Aktenmappe. Im kreativen Bereich bezeichnet er eine Sammelmappe mit eigenen Arbeiten.

Erst 1993 kam eine neue inhaltliche Bedeutung hinzu: das Sprachenportfolio.

„ A language portfolio is an organised collection of documents, in which individual learners assemble over a period of time and display in a systematic way, a record of their qualifications, achievements and  experiences in language learning, together with samples of work they have themselves produced.“ (COUNCIL OF CULTURAL COOPERATION 1997)

4.1 Charakteristische Merkmale eines Sprachenportfolios

  • Es besteht aus drei Teilen: dem Sprachenpass, der Sprachenbiografie und dem Dossier. (vgl. Kapitel 2.3)
  • Das Sprachenportfolio dokumentiert die Mehrsprachigkeit seines Besitzers.
  • Es ist Eigentum der Lernenden.
  • Es bezieht sich auf schulisches, aber auch außerschulisches Lernen, z. B. die Zweisprachigkeit.
  • Nicht nur die fremdsprachliche Kommunikationsfähigkeit, sondern auch interkulturelle Erfahrungen werden mit einbezogen.
  • Das Sprachenportfolio verknüpft Fremd- und Selbstevaluation miteinander, da es formelle wie informelle Dokumente beinhaltet. Auf diese Weise werden die Entwicklung, Lernprozesse, aber auch der aktuelle Sprachstand deutlich.
  • Es ist stufenübergreifend, da es den Lernenden von einer Schulstufe zur nächsten begleitet und somit auch den Übergang erleichtern kann.
  • Das Sprachenportfolio hat viele Adressaten , z. B. Lehrer, Eltern, Arbeitgeber.

4.2 Gründe für den Einsatz eines Portfolios

  • Ermutigung und Motivation zum Sprachenlernen
  • Bewusstmachung des bereits Gelernten
  • Herausforderung zu verstärkter Anstrengung
  • Gelegenheit zur Selbsteinschätzung
  • Bewusstmachung des eigenen Lernprozesses
  • Hinweise für Eltern und Lehrer
  • Kontinuität des Sprachenlernens (Übergang zur Sek. I, Einsetzen einer neuen Fremdsprache)
  • Angaben über Lerninhalte und Lernwege des FSL
  • Möglichkeiten der Orientierung an eigenen Stärken und Entwicklung eines positiven Selbstkonzepts
  • Förderung und Einübung von Bewusstheit der eigenen Lernprozesse

4.3. Das europäische Portfolio

Da Zeugnisnoten international wenig aussagekräftig sind, entstand 1991 auf einem Symposium des Europarates in der Schweiz die Idee, eine gemeinsame Basis für die Evaluation des Fremdsprachenlernens zu entwickeln. Delegierte aus 44 Ländern entwickelten im Laufe der nächsten zehn Jahre das europäische Sprachenportfolio und erprobten es in vielen Ländern. 2001 wurde das erste offizielle Ergebnis vorgestellt. Der europäische Referenzrahmen, der die Fertigkeiten „Hören, Lesen, Teilnehmen an Gesprächen, zusammenhängendes Sprechen und Schreiben“ in sechs Kompetenzstufen unterteilt, bietet nun eine differenzierte Beurteilung des Lernstandes sowie eine internationale Vergleichbarkeit.

Das europäische Portfolio der Sprachen ist aus dem Europäischen Referenzrahmen für Sprachen hervorgegangen. Es besteht aus drei Teilen:

  1. Der Sprachenpass
  2. Die Sprachenbiographie
  3. Das Dossier

Der Sprachenpass sollte erstmalig am Ende der 10. Klasse ausgefüllt werden. Er dokumentiert die sprachliche Identität des Lernenden, wie z. B. den familiären sprachlichen Kontext, Qualifikationen und Zertifikate, Auslandsaufenthalte und Erfahrungen interkulturellen Lernens.

Die Sprachenbiographie sollte den Lernenden dagegen kontinuierlich begleiten. Sie hat eine pädagogische Funktion, da sie dem Lernenden den eigenen Lernprozess deutlich macht. Der erste Teil enthält Daten und Informationen darüber, welche Sprachen wann und wo gelernt wurden,  Eckpunkte der individuellen Lerngeschichte hinsichtlich Mutter- und Fremdsprachen. Des weiteren besteht die Sprachenbiographie aus vier Kapiteln:

Kapitel 1: Ich als Sprachenlerner/in – Arbeitstechniken und Methoden für das Sprachenlernen
Kapitel 2: Was ich für mein Sprachenlernen getan habe – Sprachlernaktivitäten zur Evaluation und Planung von Unterricht
Kapitel 3: Was ich in meinen Sprachen schon kann – Tipps und Hinweise zum Gebrauch des europäischen Referenzrahmens und somit zur Selbstevaluation
Kapitel 4: Was wir über Sprache(n) und ihre Vielfalt herausfinden können – Projekte

Das Dossier ist eine individuelle Sammlung verschiedenster Materialien, die sprachliche Lernergebnisse dokumentieren . Hier können Kassetten, Geschichten, Briefe, Bilder, Bewerbungen, Reiseberichte, Briefwechsel etc. gesammelt werden. Diese Medien sollen Schwerpunkte des Fremdsprachenlerners deutlich machen.

4.4 Das niedersächsische Portfolio

Das Niedersächsische Kultusministerium empfiehlt den Einsatz eines Portfolios im Englischunterricht der Grundschule sowie eine Weiterführung in der Sekundarstufe:

„Es kann eine Möglichkeit eröffnen, Ergebnisse aus dem Fremdsprachenlernen der Grundschule zu dokumentieren. Es bietet der Schülerin oder dem Schüler Gelegenheit zur Selbsteinschätzung, gibt Eltern, Lehrkräften und anderen Einblicke in den bisher abgelaufenen Spracherwerbsprozess und zeigt in dem treasure book besonders gelungene und für die Schülerin oder den Schüler emotional bedeutsame Arbeiten aus dem Unterricht.“ (NKM 2000, 23).

Entsprechende Empfehlungen wurden in die Kerncurricula aufgenommen.

Das Juniorportfolio wird fortlaufend während der dritten und vierten Klasse bearbeitet und ergänzt. Wichtig sind dabei begleitende Gespräche über Lerntechniken, Merkstrategien und Erfolgserlebnisse der Kinder. Den Schülerinnen und Schülern muss deutlich gemacht werden, dass das Portfolio ganz persönlich ist und auch Schwächen zugegeben werden können. Durch die regelmäßige Überarbeitung können die Kinder selbst ihre Fortschritte dokumentieren.

Das Juniorportfolio besteht lediglich aus zwei Teilen:

  1. Sprachenbiographie
  2. Dossier

Die Sprachenbiographie enthält Daten und Informationen zu folgenden Erfahrungsbereichen:

  • Ich über mich
  • Diese Sprachen kann ich verstehen und sprechen
  • Mit folgenden Personen spreche ich in anderen Sprachen
  • Ich schicke Briefe, E-Mails in folgende Länder und schreibe dabei in folgenden Sprachen
  • Ich habe folgende Länder besucht und so habe ich mich verständigt
  • Diese Sprachen möchte ich gerne lernen
  • Sprachen, denen ich außerhalb der Schule begegne

Ebenfalls in der Sprachenbiographie enthalten sein sollten Selbsteinschätzungsbögen zu den Kompetenzbereichen Hörverstehen, Sprechen und Lesen. Hier müssen die Schülerinnen und Schüler ihren eigenen Lernzuwachs kritisch einschätzen und die Lerninhalte reflektieren.

Niedersächsischer Modellversuch "Portfolio":
Informationen und Arbeitsmaterialien zum Einsatz des Portfolios mit Beispielaufgaben

Informationen zum Europäischen Portfolio der Sprachen (EPS)

  5. Literatur

NIEDERSÄCHSISCHES KULTUSMINISTERIUM:
Vom Fremdsprachenlernen in der Grundschule zum Fremdsprachenunterricht im Sekundarbereich I.
Handreichungen für den Übergang. Hannover 2000, S. 7 - 15

© NiLS, 2004

Stand: 29.06.2008