Englisch in der Grundschule
Spracherwerb

Total Physical Response (TPR) als Methode des Fremdsprachenlernens unter Einbeziehung von Körperbewegung.

1. Begründungszusammenhang
2. Die Methode
3. Unterrichtsbeispiele
  3.1 Warm-up
  3.2 Bewegungsspiele
  3.3 Bewegungslieder
  3.4 Action Stories
4. Arbeitsanweisung
5. Literatur

"We listen and we forget,
We see and we remember,
We do and we understand."

(Chinesisches Sprichwort)

  1. Begründungszusammenhang

In den 60er Jahren entwickelte der Psychologe James J. Asher nach ca. 30 Forschungsjahren die Fremdsprachenlehrmethode Total Physical Response, kurz TPR. Das Grundprinzip dieser Methode besteht darin, dass die Lehrkraft eine Anweisung spricht und gleichzeitig ausführt ( "Stand up. Go to the window. Open the window." ). Im Folgenden werden nun die Lernenden zu Akteuren indem sie die fremdsprachige Anweisung befolgen.

Ashers Überlegungen basieren auf dem Erwerb der Muttersprache eines Kleinkindes, bei dem das Hörverstehen dem Sprechen lange vorausgeht. Das Kleinkind nimmt Sprache zunächst als undifferenzierte Lautfolge wahr. Mit der Zeit lernt es, dass eine Lautfolge mit einer Handlung oder einem Gegenstand korrespondiert. Keiner zwingt das Kleinkind zu sprechen. Es beginnt damit, wenn es dazu bereit ist.

Auch beim Fremdsprachenerwerb sollten die Lernenden nicht zum Sprechen gezwungen werden, sondern vielmehr soll die silent period respektiert werden.

Ashers Konzept basiert auf drei Grundsätzen:

  1. Vor dem Sprechen kommt das Hörverständnis. Die gesamte kognitive Anstrengung der Lernenden richtet sich zunächst auf das Hören und befreit sie somit von dem Zwang, sich gleichzeitig auf das Sprechen konzentrieren zu müssen. Dem ersten Sprechversuch gehen isolierte Lautbildungsprozesse (Bildung von Morphemen) voraus, die die Hemmschwelle selbst zu sprechen sinken lassen. Erst danach erfolgt der erste Sprechversuch in einer stressfreien Lernatmosphäre.

  2. Wort und Bewegung gehören zusammen. Die Bewegung bietet eine sofortige Rückmeldung und Bestätigung. Ich verstehe eine andere Sprache und kann Anweisungen ausführen. Dadurch fühle ich mich gut.
  3. Wenn die Schülerinnen und Schüler nach ihrer individuellen silent period zu sprechen beginnen, indem sie z. B. die Rolle des Anweisungengebers übernehmen, sprechen sie die Wörter erstaunlich korrekt aus. Sie sind somit für die noch zögerlichen Mitschüler ein fast perfektes Sprachmodell.

TPR ist eine sehr effektive Möglichkeit eine Fremdsprache zu erlernen und bietet:

  • ein schnelles Verstehen der Fremdsprache, unabhängig von der Schulbildung,
  • Unterstützung der Langzeiterinnerung,
  • Stressfreiheit.

  2. Die Methode

In Anlehnung an die Erkenntnisse über den natürlichen Spracherwerb ist TPR eine Sprachlernmethode, die die Kinder über einen längeren Zeitraum erst mit einem umfangreichen comprehensible input versorgt, bevor sie von ihnen verlangt, sich in der neuen Sprache zu äußern.

Anstatt eines listen and repeat ist die unterrichtliche Maxime listen and do. Den Schülerinnen und Schülern wird das Recht auf eine silent period eingeräumt, in der sie auf die neuen sprachlichen Äußerungen ähnlich wie beim Erstspracherwerb erst einmal nur nonverbal, mit dem Körper (total physical response) reagieren müssen.

Als Einstieg in das Fach mit der Methode des TPR bieten sich z. B. classroom phrases an. Beispiel: Die Lehrkraft führt den Ausdruck "sit down" ein und begleitet ihre verbale Äußerung gleichzeitig durch die entsprechende Handlung. Die Lernenden hören zu und führen die Aufforderung ebenfalls aus, indem sie dem Vorbild der Lehrkraft folgen. Haben die Kinder den Gehalt der Aussage erfasst, können sie einzeln oder in Gruppen mit der Lehrkraft zusammen die Aufforderungen umsetzen und so aus dem Klassenverband heraustreten. So wird mit allen zu lernenden Äußerungen verfahren.

Nach dieser Phase der Demonstration (demonstration) folgt die Phase der Instruktion (instruction). Die Lehrkraft spricht die Aufforderungen aus, ohne die gewünschten Handlungen noch vorzumachen. Die Schülerinnen und Schüler führen die geforderten Handlungen nun selbstständig aus. (Variationen: in Kleingruppen oder einzeln).

In der dritten Phase nennt die Lehrkraft die Aufforderungen in vermischter Reihenfolge (jumbled order).

Dieser grundlegende methodische Dreischritt (demonstration, instruction, jumbled order) sollte für jede Einführung von Wortmaterial durch TPR eingehalten werden.

Voraussetzungen für die Wirksamkeit der Methode:

  • Das mit TPR einzuführende Wortmaterial muss sorgfältig ausgewählt werden.
  • Die Aufforderungen und die zugehörigen Bewegungen müssen eindeutig sein.
  • Das neue Vokabular sollte schrittweise eingeführt werden, der Wortlaut und die Reihenfolge der Äußerungen müssen immer gleich sein.
  • Die Lehrkraft sollte auf ein mäßiges Sprechtempo und saubere Aussprache achten.
  • Einzelne Schülerinnen und Schüler sollten nur dann angesprochen werden, eine Aufforderung alleine auszuführen, wenn davon auszugehen ist, dass sie die Übung sicher beherrschen.

TPR eignet sich nicht nur zur Einführung von whole body commands ("Sit down!"), die die Kinder als sprachliche Einheit (chunks of language) lernen, sondern auch zur Einführung von einzelnen Nomen und Verben.

Um die englischen Vokabeln für einzelne Gegenstände durch TPR einzuführen, müssen diese in der Klasse vorhanden sein. Durch konkrete Handlungen mit diesen Objekten wie zeigen, geben, holen, tauschen prägen sich die englischen Bezeichnungen über den Weg des total physical response ein. Gleichzeitig können so einige Handlungsverben mit eingeführt werden.

Werden anstatt realer Gegenstände Abbildungen verwendet, kann das über einzuführende Wortmaterial noch erweitert werden.

Schließlich können auch einzelne Handlungselemente aus Geschichten mit TPR dargestellt werden, um z. B. neue Vokabeln zu internalisieren .

Diese unterschiedlichen Formen der TPR werden als

  • TPR-B (TPR with body),
  • TPR-O (TPR with objects),
  • TPR-P (TPR with pictures) und
  • TPR-S (TPR with stories)

bezeichnet.

TPR sollte als Methode den ganzen Sprachlernprozess begleiten, ist aber besonders für den Einstieg in eine neue Sprache geeignet. Mit ihr können pro Unterrichtsstunde bis zu 30 neue Wörter verstanden werden. Das führt zu Erfolgserlebnissen, die als Motivation für das weitere Lernen genutzt werden können.

The ability to learn 30 new words any given hour is fun, but the commulative effects of learning 30 new words each hour for many, many hours is where real language ability develops.“ (Reid Wilson)

Der Zwang, sich in der neuen Sprache gleich äußern zu müssen, entfällt. Der Zeitpunkt, wann man beginnt, sich in der neuen Sprache zu äußern, kann selbstbestimmter gewählt werden. Da TPR zu den multisensorischen Lehr- und Lernmethoden gehört und auditives, kinesthetisches und visuelles Lernen fördert, entspricht es den Bedürfnissen aller Lerntypen.

Begriffe und Phrasen, die mit TPR gelernt werden, müssen in den einzelnen Stunden sehr oft wiederholt werden, damit sie sich einprägen. Durch die im Folgenden aufgeführten Techniken können die neuen Wörter je nach Lernstand immer wieder anders kombiniert werden.

Hinweise für Fortgeschrittene:

  • Novel commands: Bekanntes Vokabular wird in neuer Kombination verwandt bzw. mit vorher erworbenen Vokabeln kombiniert. Beispiel: Aus den neuen Wörtern „eat“, „hungry“ und „wolf“ werden die Kombinationen „the hungry girl“, „the hungry wolf eats at McDonalds“ gebildet.
  • Play commands: Die Vokabel „eat“ wird geübt, in den gegebenen Anweisungen wird die neue Vokabel mit bereits bekannten in überraschender Weise kombiniert „eat the apple, eat the banana, eat your pen“.
  • Chain commands: In Anweisungen werden zwei oder drei neue lexikalische Einheiten kombiniert. Neu ist „eat“, „you are hungry“, „an apple“. Ein chain command könnte so aussehen: „you are hungry, you eat, an apple“, „you eat, you are hungry“. Chain commands verbessern das Behalten über lange Zeit, weil die Schülerinnen und Schüler die einzelnen Teile einer Kombination in mentale Bilder verwandelt, um sie zu behalten.
      
  • PQA (Personalized Question and Answer) und PMS (Personalized Mini-Situation) ermöglichen es, die Schülerinnen und Schüler persönlich anzusprechen und in das Unterrichtsgeschehen einzubeziehen. Bei PQA werden mit den neuen Wörtern persönliche Fragen gebildet. Neu ist z. B. „hungry“. „Are you hungry?“ Bei PMS werden personalisierte Mini-Scenarios mit dem neuen Wortmaterial erzählt und ein Kind als „Mitspieler“ eingebaut. „She is hungry. She goes to Mc Donalds. She meets (Name eines Kindes). She is hungry, too.
  

  3. Unterrichtsbeispiele

Es bietet sich an, TPR in jeder Englischstunde für einige Minuten zur Anwendung kommen zu lassen. Dafür stehen viele verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung:

1. Warming up

  • Giving commands
     
    Kleine TPR-Sequenzen mit alltäglichen Aktionen. Peter, open the door, please.
    Jill, stand up, please.
    Class, sit down, please.
     
    Es können auch Übungen mit bereits erlernten Vokabeln verknüpft werden, um diese weiter zu festigen. Take out a book.
    Take out a pencil.
    Put on your scarf.
      
    Die Lehrkraft gibt Anweisungen, die die Klasse, ein Teil der Klasse oder einzelne Kinder befolgen sollen. Jump up and down!
    Touch your trousers!
    Go to a boy with brown hair, Suzie! 

    Natürlich wird eine solche Unterrichtssequenz motivierender, spannender und heiterer, wenn die Anweisungen ein wenig kurios sind. Bei zunehmender Sicherheit kann auch ein Kind aus der Klasse die Aufgabe der Lehrkraft übernehmen und Anweisungen erteilen.
      
  • Acting blind
      
    Die Schülerinnen und Schüler schließen die Augen und befolgen. Die Lehrkraft (oder ein leistungsstärkeres Kind) gibt Anweisungen und die Kinder befolgen diese mit geschlossenen Augen. Diese Übung eignet sich besonders gut, um die Schülerinnen an das Sprechen heranzuführen, da sie durch die geschlossenen Augen besonders auf die Sprache konzentriert sind.
      
  • Lip reading
      
    Die Lehrerin spricht die Anweisungen "ohne Ton", indem sie nur die Lippen bewegt. Die Schülerinnnen und Schüler müssen also von ihren Lippen lesen, um sich die Anweisung zu erschließen.
      
  • Pair work
      
    Die Schülerinnne
    n und Schüler geben sich in Partnerarbeit oder in Gruppenarbeit gegenseitig Anweisungen und führen diese aus.

2. Bewegungsspiele

Eines der berühmtesten Bewegungsspiele, das die Prinzipien von TPR zur Anwendung bringt, ist "Simon says" oder auch "Simple Simon says". Hier gibt der Spielleiter Anweisungen für bestimmte Aktionen, z. B. "stamp your feet". Stellt er nun dieser Aufforderung nicht die Floskel "Simon says" voran, dürfen die Mitspieler die Bewegung nicht ausführen. Wer es trotzdem tut, scheidet aus. Erschweren kann der Spielleiter die Aufgabe noch, indem er ab und zu eine andere Aktion ausführt als er angewiesen hat oder eine Aktion ausführt, ohne dass er der Anweisung die Floskel "Simon says" vorangesetzt hat.

Literaturtipp: Die Zeitschrift "Musik in der Grundschule" Heft 4/01 enthält Bildkarten, ein Lied und eine Aufnahme des Liedes auf der CD mit dem Titel "Simon says"

3. Bewegungslieder

Eine weitere sehr motivierende und damit auch effektive Anwendungsmöglichkeit sind Bewegungslieder und -reime (songs, chants, rhymes). Ein Klassiker wäre hier das Lied "Head, shoulders, knees and toes...", bei dem während des Singens die jeweils genannten Körperteile berührt werden. Dieses Lied lässt sich gut abwandeln und für eine Vielzahl von Vokabeln nutzen, z. B. als "Pen and pencil, ruler, book".

Es kann auf ein reichhaltiges Angebot an Bewegungsliedern zurückgegriffen werden (siehe Literaturliste, Materialliste). Es können physical break chants verwendet werden, die in sich möglichst reimender Form Bewegungsanweisungen geben. Oder action rhymes, wie sie im Unterrichtswerk "Playway" häufig zur Anwendung kommen.
  
Zu vielen Bewegungsliedern können auch mit der Klasse passende Bewegungen entwickelt werden.

Weitere Beispiele für Bewegungslieder finden Sie im Internet:

http://www.englishbox.de

4. Action Stories

Diese Form der Umsetzung haben u. a. die Autoren Gerngross/Puchta bekannt gemacht. Dabei handelt es sich um eine kurze Geschichte, die möglichst ein überraschendes, witziges Ende hat oder besonders spannend ist. Eine action story besteht aus 7-10 kurzen Satzsequenzen, die vorwiegend im Imperativ gehalten sind. Jeder Sequenz kann ein Bild zugeordnet werden.
  
Nun wird die Story in mehreren Schritten erarbeitet:

  1. Die Lehrkraft spricht die Sätze und macht eine dazu passende pantomimische Bewegung während die Schülerinnen und Schüler die Bewegung mitmachen.
      
  2. Nach einigen Wiederholungen spricht die Lehrkraft die Sätze, macht aber nicht mehr die passende Bewegung dazu. Die Schülerinnen und Schüler führen die Bewegungen nun ohne Vorbild aus und erhalten bei Gelingen positives Feedback geben, z. B. durch Kopfnicken.
      
  3. Nun spricht die Lehrkraft die Sätze in der "falschen" Reihenfolge (jumbled order), die Schülerinnen und Schüler machen die richtigen Bewegungen zu jedem Satz.
      
  4. Zum Schluss wird die Geschichte als Bilderfolge präsentiert: Jedem Satz wird ein Bild zugeordnet. Hier gibt es mehrere Möglichkeiten der Arbeit mit dem Arbeitsblatt. Die Bilder stehen in der falschen Reihenfolge. Zunächst spricht die Lehrkraft einzelne Sätze in einer anderen falschen Reihenfolge oder in der richtigen Reihenfolge und die Kinder zeigen mit dem Finger auf das entsprechende Bild. Nun nennt die Lehrkraft irgendeine Sequenz als "number one is...", die von den Kindern entsprechend nummeriert wird (z. B. "Number one is walk on.") usw. Zum Schluss kann gefragt werden: "What number is walk on?" und die Kinder antworten mit der notierten Nummer. Auch können die Bilder in die korrekte Reihenfolge sortiert werden. Zum Abschluss dieser Phase steht eine Vielzahl vertiefender Übungen zur Verfügung.

Diese Arbeitsform wird in "Do and understand" (s. Literaturliste) und im Unterrichtswerk "Playway" gut erläutert und es finden sich dort gute Beispiele für die praktische Umsetzung.

  4. Arbeitsanweisung

Action Story

  1. Your alarm clock rings.
  2. Get out of bed.
  3. Go to the bathroom.
  4. Wash your face.
  5. Clean your teeth.
  6. Put on your jeans.
  7. Put on your t-shirt.
  8. Go down stairs.
  9. Oh no! It's Sunday!
  1. Entwickeln Sie passende Bewegungen zur Umsetzung der obigen action story.
  2. Entwerfen Sie eine kompetenzorientierte Unterrichtssequenz in der Sie die action story unter Berücksichtigung des Dreierschrittes umsetzen.
  3. Führen Sie die Sequenz im Unterricht durch.
  4. Welche Gründe sprechen für das Fremdsprachenlernen mit der TPR-Methode?
  5. Welche Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler können mit Hilfe von TPR überprüft werden?

  5. Literatur

Theoretische Grundlagen

Gerngross/Puchta:
Playway. Rainbow Edition 3/4
Klett, Innsbruck 2001

Bleyhl, Werner:
Fremdsprachen in der Grundschule
Grundlagen und Praxisbeispiele
Schroedel, Hannover2000
S. 9 - 20 und S. 31 - 35

Schmidt-Schönbein:
Didaktik: Grundschulenglisch
Cornelsen, Berlin 2001

Birgit Gegier
Englisch bewegt - Bewegungsorientierung als didaktisches Prinzip im Fremdsprachenunterricht
Praxis Grundschule, H. 5/2006. S. 6 - 10.

Praxisbeispiele

Foster, John/Thompson, Carol:
Action Rhymes
Oxford University Press, Oxford 1996

Gerngross/Puchta:
Do and Understand
Longman, Wien 1994

"Musik in der Grundschule" Heft 4/01
enthält Bildkarten, ein Lied und eine Aufnahme des Liedes auf der CD mit dem Titel "Simon says"

Küntzel, B. (Hrsg.):
Kolibri. Das Liederbuch für die Grundschule
Schroedel, Hannover2002

Internet

Total Physical Response (TPR)
Artikel auf learn:line NRW
http://www.learn-line.nrw.de/angebote/egs/info/methoden/tpr.html

© NiLS, 2003

Stand: 04.09.2007