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Der peinliche Namenspatron
Von Rainer Lahmann-Lammert


Osnabrück. Er war ein Hassprediger und Kriegshetzer, rassistisch, antisemitisch und franzosenfeindlich. Nach dem Dichter Ernst Moritz Arndt (1769-1860) würde sich heute keine Schule mehr benennen. Eine schwere Hypothek für das Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium, das im Oktober Jubiläum feiert. Zu einer Umbenennung kann sich das EMA aber nicht durchringen.

Der Freiburger Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Dietrich Kayser, selbst EMA-Absolvent des Jahres 1964, setzt sich für die Umbenennung der Schule ein. Schon im April schrieb er an Schulleiter Hartmut Bruns und forderte eine "historische Besinnung", auch mit Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus. Dass er bis heute keine Antwort erhalten hat, wertet Kayser als Indiz für fehlendes Interesse. Bruns sieht das nicht so. Er habe "in den letzten Wochen einfach viel um die Ohren gehabt". Die Schule stelle sich aber der Auseinandersetzung mit ihrem schwierigen Namenspatron.

Das Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium erhielt seinen Namen erst 1957. Vorher firmierte die Lehranstalt unter "Staatliche Oberschule für Jungen". Bemerkenswert ist, dass die Umbenennung in eine Zeit fiel, als die Verehrung Arndts ihren Zenit schon überschritten hatte. Sein pathetischer Ruf "Das ganze Deutschland soll es sein!" traf im geteilten Nachkriegsdeutschland aber den Nerv vieler Menschen.

Dr. Friedemann Neuhaus, am EMA Obmann für Geschichte, ist in seinem Beitrag für die Festschrift zum 140-jährigen Bestehen der Schule auf den schwierigen Namenspatron eingegangen. Neuhaus zitiert den ehemaligen Schulabsolventen Dr. Friedrich Erdmann, der sich 1957 als Ratsherr für die Umbenennung eingesetzt hat: Es dürfe nicht in Vergessenheit geraten, "dass wir mit den Brüdern und Schwestern jenseits des Eisernen Vorhangs ein gemeinsames Vaterland haben". Da passte Arndts glühender Appell für ein geeintes Deutschland perfekt ins Bild. Neben der politisch-ideologischen Stoßrichtung zählte, natürlich auch, dass die Schule an der Arndtstraße lag. Als das Traditionsgymnasium 1980 an die Knollstraße zog, hätte die unglückliche Namensgebung ohne Not korrigiert werden können. Aber die Chance wurde verpasst.

Geschichtslehrer Neuhaus betrachtet den Namen "Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium" aus heutiger Sicht als "glatten Fehlgriff": Arndts Auslassungen über die Juden seien "abstoßend", sein "pathologischer Franzosenhass" sei - vor allem gegenüber den Partnerschulen im französischen Angers - "ausgesprochen peinlich", vermerkt Neuhaus in der Festschrift.

Einer erneuten Umbenennung steht der Historiker Neuhaus jedoch skeptisch gegenüber: Der Name sollte immer wieder Anlass sein, "uns mit der Person Ernst Moritz Arndt ebenso wie mit unserer Geschichte kritisch auseinanderzusetzen", um Völkerhass und Rassendiskriminierung zu überwinden.

Ähnlich sieht es Schulleiter Hartmut Bruns. Ein Traditionsgymnasium wechsele seinen Namen nicht wie die Kleidung. Ernst Moritz Arndt sei zwar kein Vorbild für heutige Generationen, aber eine Einladung an die Schule, Themen wie Nationalismus und Bürgerrechte kritisch aufzuarbeiten.

Für Prof. Kayser aus Freiburg ist das zu wenig. Mit gleichem Recht könne sich eine "Adolf-Hitler-Schule" gegen eine Umbenennung wehren, solange sie verspreche, die Geschichte des Nationalsozialismus aufzuarbeiten.

Kayser weiß, dass es extrem aufwendig ist, den Namen einer Schule zu ändern. Gleichwohl wünscht er sich von seinem ehemaligen Gymnasium den Mut und die Kraft zu einer Neuorientierung.

Bislang hat sich die Gesamtkonferenz für die Beibehaltung des Namens ausgesprochen. Sollte das Schulgremium seine Meinung ändern und für eine Namensänderung eintreten, würde sich der Stadtrat wohl nicht verschließen, glaubt Schulleiter Bruns.

In Remscheid hat es ähnliche Diskussionen gegeben. Dort sollte das Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium in "Richard-von-Weizsäcker-Gymnasium" umbenannt werden. Aber die Initiative scheiterte im Februar 2006. Bei der Abstimmung votierten 27 Ratsmitglieder dafür, aber 29 dagegen.

Zitate von Ernst-Moritz-Arndt:
Hass für immer
Ernst Moritz Arndt (1769– 1860) war Geschichtsprofessor in Greifswald, Dichter, Revolutionär und Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung. In seinen frühen Jahren kämpfte er gegen das Leibeigentum, später mobilisierte er gegen Napoleon und predigte noch lange nach dessen Niederlage in Waterloo Hass gegen alles Französische und Andersartige, besonders gegen Juden.

Arndt gilt als ein Wegbereiter nationalsozialistischer Ideologie. Von ihm stammt der abschätzige Begriff „Franzmann“. Weitere Zitate belegen seine Geisteshaltung:
„Deutsches Volk, der Name Franzose muss ein Abscheu werden in dei- nen Grenzen, ein Fluch, der von Kind auf Kindeskind erbt. Geschieden werde das Fremde und Eigene auf ewige Zeit. Geschieden werde das Französische und Deutsche durch die unübersteigliche Mauer, die ein brennender Hass zwischen beiden Völkern aufführt.“

„Ich will den Hass gegen die Franzosen nicht bloß für diesen Krieg. Ich will ihn für lange Zeit. Ich will ihn für immer. Dieser Hass glühe als die Religion des teutschen Volkes“ (1818).

„Die Jugend ist matt und geistlos. Fauler Moderduft des Todes weht über die Zeit hin. Krieg, Krieg, lieber Gott, gib uns einen tüchtigen Krieg. Krieg ist uns nötiger als das tägliche Brot. Wir müssen einmal wieder durch einen schweren blutigen Kampf aufgeschüttelt und zusammengeschüttelt werden. Es will ja alles in Mattigkeit und Faulheit vergehen“ (1843).


NOZ - 29.09.2007 - Stadt Osnabrück

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