Gewaltprävention

 
      
Förderung des sozialen Lernens an der Martin-Luther-King- Schule
1. Ausgangslage
Allgemein lässt sich an Schulen neben dem Vandalismus gegen Sachen eine Zunahme an Gewalt zwischen Schülerinnen und Schülern beobachten: Schlägereien, psychische Angriffe, Erpressungen, Verrohung in körperlichen Auseinandersetzungen, Kinder und Jugendliche als „soziale Analphabeten“, zunehmende Orientierungs- und Zügellosigkeit.
Generell ist festzustellen:
•Die Gewalt nimmt quantitativ und qualitativ zu.
•Die Gewalttäter werden immer jünger.
•Die Gewalttaten werden brutaler, härter und rücksichtsloser. Es gibt kaum noch Tabuzonen.
Hinzu kommt eine hohe Zahl an Kindern mit emotionalen Störungen und hyperkinetischen Verhalten.
Die Ursachen von Gewalt und Entwicklungsstörungen im sozial-emotionalen Bereich sind vielschichtig. Es sollen hier nur einige mögliche Gründe genannt werden:
•Familien haben heute vielfach ihre normale Sozialisationsfunktion verloren. ( B. Herz 2004, Zeitschr. Sopäd.3) Kindheit ist Medienkindheit und gewährt vielen Kindern heute allenfalls eine virtuelle Welterschließung, mit der Kinder und Jugendliche allein gelassen werden.
•Gesellschaftliche Entwicklungen führen zu Verunsicherung. „Gerade Kinder aus sozial benachteiligten Familien sehen angesichts der Situation am Arbeitsmarkt immer weniger den sinnstiftenden Beitrag der Schulzeit für die Lebensgestaltung und wenden sich dadurch von schulischen Bildungsangeboten an.“ (B. Herz, ebenda)
•Kinder und Jugendliche machen heute vielfach selbst Gewalterfahrungen innerhalb der Familie oder im Bekanntenkreis.
•Kinder erleben Überforderungen durch Druck einer allseitig akkreditierten Leistungsgesellschaft.
•Kindheit unter Armutsbedingungen reduziert die Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten.
Gerade in der Förderschule Lernen findet man eine Häufung o.g. Gründe für die Entwicklung von gewaltbereitem Verhalten oder anderen emotionalen Störungen.
2. Schwerpunkte im Bereich des sozialen Lernens
2.1. Grenzen setzen durch klare Regeln
Das Zusammenleben von Menschen kann sich nur auf der Grundlage allgemein gültiger Regeln und Gesetze vollziehen.
Wir erleben in der täglichen Arbeit immer wieder, dass Kinder und Jugendliche aufgrund sozialer Verwahrlosung und gesellschaftlicher Orientierungslosigkeit ein friedliches Zusammenleben nur schwer umsetzen können. Einfache Formen sozialen Handelns sind vielen Schülern nicht mehr vertraut. Wichtige Regeln des sozialen Zusammenlebens haben sie nicht kennen gelernt und nicht einüben können.
Demgegenüber fordern die Schüler/innen ständig klare Regelungen und Grenzsetzungen ein, ebenso wie sich nach einem ausgeglichenen und friedlichen Umgang miteinander sehnen. Ein klares und nachvollziehbares Regelsystem trägt zu einem gewaltfreien Verhalten in der Schule bei und kann Sicherheit und Orientierung geben.
Neben den Klassenregeln, die jede Klasse für sich aufstellt, haben wir deshalb Grundregeln des täglichen Zusammenlebens für unsere Schule formuliert. Diese Regeln beinhalten sowohl die Wünsche der Schüler/innen als auch die der Lehrer/innen. Im Sinne der Überschaubarkeit und eines beabsichtigten Trainingseffektes haben wir uns auf wenige Regeln beschränkt.
Zurzeit sind es folgende:
•Wir beleidigen uns nicht.
•Wir kommen pünktlich zum Unterricht
•Wir gehen in der großen Pause auf den Schulhof.
•Wir halten unsere Toiletten sauber.
Diese vier Regeln werden abwechselnd für jeweils vier Wochen zu den  „Regeln der Woche“ erklärt. Wiederkehrendes Ritual ist die Ansage der Wochenregeln für alle Schüler/innen am Montagmorgen in der Pausenhalle. Diese Regeln sollen von den Schüler/innen besonders beachtet und umgesetzt werden. Umgekehrt achten die Lehrer/innen besonders auf ihre Einhaltung. Die Einhaltung der Regeln wird protokolliert. Die Schülerinnen sollen versuchen nicht mehr als vier Mal gegen die Regeln zu verstoßen.
Am Ende dieses Zeitraumes steht eine Belohnungsaktion für die Schüler/innen, denen die Umsetzung der Regeln schon gut gelungen ist. Die anderen Schüler erhalten eine Beratung zu ihrem Fehlverhalten und dürfen nicht an der Belohnungsaktion teilnehmen.
Zur Aktualisierung und um auf Veränderungen im Schulalltag und der Schüler eingehen zu können, werden die Schulregeln einmal halbjährlich überarbeitet.
2.2. Reaktionen auf Regelverstöße
Grundlegend wichtig ist eine Kultur des Hinschauens und des Eingreifens bei Regelverstößen. “Dabei gilt, dass bei Kindern und Jugendlichen eine schnelle Reaktion auf Regelverstöße erfolgen sollte. Je unmittelbarer die Reaktion erfolgt, desto größer ist die Chance auf eine nachhaltige Verhaltensänderung. Dazu gehört auch die vereinbarte „Aktive Aufsicht“.
Entsprechend ihrem Alter können Schüler/innen zunehmend in die Kontrolle zur Regeleinhaltung einbezogen werden. Hier muss besonderer Wert darauf gelegt werden, dass die Schüler ein Bewusstsein für „Petzen“ und dem Benennen von Regelverstößen entwickeln.
In der Regel sollten Gespräche als Konfliktlösung möglichst bei allen Verstößen im Vordergrund stehen.
Es ist nicht möglich für jeden Regelverstoß eine Reaktion festzulegen, aber grundsätzlich soll eine persönliche Wiedergutmachung eingefordert werden.
Den zweiten Schwerpunkt sollen die „sozialen Dienste“ bilden. Je nach Fehlverhalten werden Arbeitseinsätze in der Schule geleistet, die dem Wohl der Schulgemeinschaft dienen. Dazu werden die SchülerInnen jeweils montags nach der sechsten Stunde von Herrn Albes betreut.
Reaktionen können auch in Form von schriftlichen Arbeiten stattfinden. In größeren Klassen besteht die Möglichkeit diese auch als Referat vor einem Publikum (Klasse, AG, Elternabend usw.) vorzutragen.
Bringen die Schüler/innen unerlaubte Gegenstände mit in die Schule, werden diese in Verwahrung genommen. Die Erziehungsberechtigten werden informiert und können sie in der Schule abholen.
Beispiele eines Maßnahmenkataloges zum Umgang mit auffälligen Schüler/innen:
Ordnungswidrigkeiten:
-Verlassen des Schulhofes: Bearbeitung eines Textes zur Problematik (z.B. Schulordnung)
-Verbleib während der Pausen im Schulgebäude: Bearbeitung eines Textes zur Problematik
-Rauchen: Müll- und Kippensammeln, Brief mit Gegenzeichnung der Eltern, bei Wiederholung Tadel
-Zerstörung von Mobiliar: Wiedergutmachung des Schadens, Brief mit Gegenzeichnung der Eltern
-Schmierereien: Wiedergutmachung des Schadens, Brief mit Gegenzeichnung der Eltern
-Spucken: Aufwischen, Brief mit Gegenzeichnung der Eltern
Beleidigungen grober Art:
-gegen Lehrer/innen und Schüler/innen: Verschriftung der Beleidigung und Gegenzeichnung der Eltern (Petter), bei Wiederholung Tadel
Gewalt:
-Brief an die Eltern, Opferbrief, Entschuldigung
-Maßnahmenkatalog nach § 61 NSchG
-bei schweren Fällen von Körperverletzung, Raub, Bedrohung usw. besteht nach Erlass über die Zusammenarbeit zwischen Schule, Polizei und Staatsanwaltschaft vom 30.09.2003, die Pflicht zur Anzeige bei der zuständigen Polizeibehörde
Je nach Schwere des Regelverstoßes oder nach der Häufigkeit kann immer auf die Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen nach § 61 NSchG zurückgegriffen werden.
3. Hilfen und Alternativen bieten durch Sozialtraining
3.1. Soziale Kompetenzen
Wir kommen nicht als sozial kompetente Wesen auf die Welt, sondern wir müssen erst dazu gemacht werden. Die Basis hierzu sollte im Elternhaus gelegt und in den anderen Bildungseinrichtungen unterstützt und fortgesetzt werden.
Hierfür werden in der Öffentlichkeit genannt:
–Selbstvertrauen und Ichstärke
–aber nicht aufgeblähte Angeberei
 Angemessener Umgang mit Gefühlen und Empathie
–aber keine übertriebene ‚Nabelschau‘
–Respekt für alle Mitmenschen
–aber nicht Profilierung auf Kosten anderer
–Verantwortung für sich und andere
–aber nicht Egozentrik oder die ständige Suche nach anderen Schuldigen                     –Konfliktfähigkeit
–aber nicht Leugnung und/oder Unterdrückung menschlicher Aggressivität und erzwungene Lösungen   oder Harmoniesucht

Mittlerweile können wir uns nicht mehr darauf verlassen, dass die Mehrheit der Schüler/innen mit den geforderten Kompetenzen in die Bildungseinrichtungen kommen, statt dessen zeigen sie mehr oder weniger starke Ausprägungen bestimmter Negativbilder. Daraus resultiert, dass die Mehrheit nicht fähig ist, angemessen in Konflikten reagieren zu können. Dies bewirkt außerdem, dass sie nicht in der Lage sind, die Hilfe von Streitschlichtern anzunehmen. Somit reicht es nicht, Streitschlichterprogramme als einzige Präventionsmaßnahme an einer Schule einzuführen.
Die Gesellschaft hat sich gewandelt und Schule muss als Teil dieser Gesellschaft darauf reagieren.
Daraus folgt, dass neben der Vermittlung und dem Training von fachlichen und methodischen Kompetenzen jetzt auch verstärkt in Schule die Vermittlung und das Training von sozialen Kompetenzen für alle stattfinden müssen.
 â€žWissen ist nicht kennen,
kennen ist nicht können
aber
Übung macht den Meister!“
Im Schulalltag muss Zeit und Raum zur Verfügung stehen, damit die Schüler/innen soziales Lernen angstfrei und ohne Zensurendruck kennen lernen, ausprobieren und einüben können. Effizienz und Nachhaltigkeit sind nur gewährleistet, wenn Sozialtraining kontinuierlich über das gesamte Schuljahr verteilt stattfindet.
Deshalb wird das soziale Lernen ab dem zweiten Schulhalbjahr 2006/07 mit einer Wochenstunde in den Stundenplan der Klassen integriert und jeweils von den Klassenlehrkräften durchgeführt:
-Sachunterricht in Klasse 1bis 4
-Werte und Normen/ Sozialkunde ab Klasse 5
3.2. Ziele des Sozialtrainings
Im Sozialtraining lernen die Kinder all das kennen, was sie brauchen, um sich sozial kompetent verhalten zu können. Und nicht nur das, sie erhalten die Gelegenheit ohne Zensuren- und Zeitdruck diese Fähigkeiten zu üben und in verschiedenen Situationen anzuwenden, bis sie irgendwann zum Selbstverständnis geworden sind.
Das Ziel sind starke Kinder,
die niemanden erniedrigen oder schlagen, um sich groß zu fühlen.
die zu den eigenen Gefühlen stehen, die gelernt haben, sich in andere hineinzuversetzen und deshalb gar nicht auf die Idee kommen, andere zu quälen.
die die Anerkennung der eigenen Persönlichkeit mit den eigenen Stärken und Schwächen im alltäglichen Umgang erfahren haben und gelernt haben, dieses Bedürfnis auch allen anderen zuzugestehen; für sie ist deshalb Respekt eine Selbstverständlichkeit.
die schrittweise an die Übernahme von Verantwortung gewöhnt wurden und hierfür genügend Übungsfelder geboten bekamen, in denen angstfrei Fehler gemacht werden durften, um daraus zu lernen; sie können deshalb leichter Verantwortung für sich und ihr Handeln übernehmen.
die gelernt haben, dass Konflikte normal sind und viele Trainingsmöglichkeiten bekamen, einen sinnvollen Umgang mit Konflikten auszuprobieren und einzuüben; sie können deshalb auch in schwierigen Konfliktsituationen angemessen reagieren, so dass es gar nicht erst zu einer Eskalation kommt.
3.3. Schwerpunkte des Sozialtrainings
Unterstufe 1-4
In der Unterstufe gibt es sehr stark wechselnde Klassenverbände, die Schwerpunkte werden deshalb in den Bereichen
Kennen lernen
Ich-Stärkung/ Selbstvertrauen
Wir-Gefühl
Gefühle, Empathie
Kooperation
Regeln
Gestaltung der Lernumgebung        liegen.
In Klasse 1 und 2 wird vorrangig die Anbahnung bestimmter Verhaltensweisen trainiert
Zuhören, wahrnehmen und beobachten lernen
Sinnes- und Bewegungsschulung
Interaktion
Mittelstufe 5/6
Dem sozialen Lernen in dieser Stufe kommt eine ganz besondere Bedeutung zu. Die Schüler/innen befinden sich entwicklungspsychologisch gesehen in einer Phase, in der sie zunehmend in der Lage sind, gruppenbezogene Prozesse zu verstehen und Empathie und Verantwortung zu übernehmen. Häufig gibt es gerade in diesem Bereich veränderte Klassenzusammensetzungen.
Kennen lernen
Ich-Stärkung/ Selbstvertrauen
Wir-Gefühl
Gefühle, Empathie
Kooperation
Regeln
Gestaltung der Lernumgebung
Einführung in Konfliktlösungsstrategien
Klassenstufe 7/8
Hier gibt es die meisten Schwierigkeiten bedingt durch die Pubertät, deshalb klare Grenzen setzen und im Rahmen dieser Grenzen möglichst viel Individualität (Motto: Finde deinen Weg) zulassen. Für Möglichkeiten sorgen und Unterstützung bieten, dass die Schüler/innen echte Ichstärke aufbauen können und nicht so viel Kraft verschwenden müssen mit der Aufrechterhaltung eines krankhaft aufgeblähten Ichs.
Überprüfung und Überarbeitung der Regeln (‚Heimliche’ Regeln)
Ich-Stärkung/ Selbstvertrauen
Kommunikation, Ich-Botschaften
Toleranz, Akzeptanz, verschiedene Rollen (z.B. Ju/Mä)
Umgang mit Vorurteilen und Diskriminierungen
Umgang mit Konflikten
Ausbildung von Peer-Mediator/innen

Klassenstufe 9/10

Vertiefung von Kooperation und Kommunikation und Möglichkeiten der Anwendung des in den letzten Jahren erlernten durch unterschiedliche Möglichkeiten der Verantwortungsübernahme im Schulalltag.

Verantwortung für sich und für andere
Meinungsfindung, Entscheidungsprozesse
Einsatz von Peer-Mediator/innen und Paten/Patinnen
3.4. Hinweise zur Durchführung von Sozialtrainingsstunden

… kein Zwang, Lernziele in festgelegter Zeit erreichen zu müssen
… die Zeit geben, die die Schüler/innen brauchen
… auf die Bedürfnisse der Schüler/innen achten (Störungen haben Vorrang)
… nicht von ‚Spielen’ reden, sondern von ‚Übungen’
… Übungen haben grundsätzlich zwei Phasen
1.eigenes Erleben/ Erfahren (Durchführung)
2.hören, wie es den anderen ergangen ist (Auswertung)
… Freiwilligkeit bei Äußerungen in der Auswertungsrunde
… keine Wertung der Ergebnisse (richtig/falsch oder gut/schlecht)
… ‚Misslingen’ einer Übung als Chance nutzen, die Schüler/innen in der Umgestaltung
der Übung beteiligen
4. Weitere Maßnahmen
•Monatliche Sprechstunde des Kontaktbeamten unserer Schule für SchülerInnen
•Zusammenarbeit mit der „Elternwerkstatt“ der Stadt Hannover, Frau Pauli führt Workshops mit Schülerinnen der Oberstufenklassen zu Themen wie Pflege eines Kindes, Adoption, Gewalt in Familien usw. durch, weiterhin werden sozialer Verhaltensweisen trainiert
•Aufklärung der Oberstufenschüler über Strafmündigkeit strafrechtliche Verfehlungen sowie Besuch der JVA Neustadt
•Außerunterrichtliche Projekte zur Förderung des Selbstwertgefühls und von Basiskompetenzen
•Einrichtung eines „Entspannungsraumes“ zur Durchführung der Beratungen und der Spiele zum sozialen Lernen, für Stilleübungen und Konflikttraining
5. Evaluation
In regelmäßig stattfindenden Konferenzen wird überprüft, wie die Umsetzung des Konzeptes bisher gelungen ist, welche Korrekturen vorgenommen werden müssen bzw. welche Alternativen zur Verfügung stehen.
 

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