Zeitzeuge


 
 

INTERVIEW DER KLASSE 8C DER HAUPTSCHULE WEENER MIT HERRN DE JONGE AM DONNERSTAG, DEN 20. OKTOBER 1988 

Im Rahmen der Begegnungswoche mit ehemaligen Mitbürgern Weeners jüdischen Glaubens bestand die Möglichkeit, Gäste dieser Begegnungswoche in die Schulklasse einzuladen. Schüler der Klasse schlugen dies vor und Herr de Jonge, der bis 1935 in Weener lebte, 
erklärte sich bereit, in der Klasse von seinem Leben zu erzählen und auf die Fragen der Schüler zu antworten. 

Die Klasse bereitete sich umfassend auf diesen Besuch vor, als Abschluß dieser Vorbereitungsphase hatten die Schüler Fragen ausgearbeitet, die sie in dieser Stunde stellen wollten. Dadurch, daß Herr de Jonge ausführlich und sehr lebendig von seinem Leben erzählte, erübrigten sich einige Fragen. Trotzdem wollen wir jetzt anhand der Fragen seine Antworten mit einarbeiten, da damit die Lebendigkeit der Stunde, die Betroffenheit der Schüler möglichst umfassend dargestellt werden kann. 

Grundsätzlich muß gesagt werden, daß diese Stunde in weiten Teilen im besten Sinne ergreifend war für alle Teilnehemer. Dank gilt dafür Herrn de Jonge und Herrn Post, der ihn für den Arbeitskreis  "Begegenungswoche" in die Schule begleitete. Wir hoffen, daß Herr de Jonge auch von dieser Stunde einen guten Eindruck mit nach Haus hat mitnehmen können . 

Schüler:
1. In welchem Jahr sind Sie geboren?
Herr de Jonge:
Ich bin im Jahr 1925 in Weener geboren.
2. Haben Sie schöne Erinnerungen an Ihre Kindheit?
Ich habe an die Zeit vor 1933 eine gute Erinnerung. Meine Kindheit war schön. In Weener hatte ich einen sehr guten Freund. Auch wuchs ich in der Süderstraße bei meinen Eltern in einem sehr interessanten Geschäft auf, in dem es Fahrräder, Motorräder, Radios und auch schon den Opel zu kaufen gab.
3. Hatten Sie Freunde damals?
Ich hatte gute Kontakte mit nichtjüdischen Deutschen
4. Welchen Beruf hatten Ihre Eltern?
Man Vater war Geschäftsmann und meine Mutter Geschäftsfrau. Sie führten das Geschäft "Maschinenhaus Jakob de Jonge". 
5. Wo haben Sie in Weener gelebt?
Wir lebten in der Süderstraße Nummer 3 (neben Hotel zum Weinberg)
6. Wo gingen Sie zur Schule?
Ich ging die erste Zeit in die katholische Elementarschule, die in der Neuen Straße damals neben der katholischen Kirche lag. 
7. Hatten Sie Geschwister?
Ich hatte einen Bruder und eine Schwester. Meine Schwester ging in der Zeit der Besetzung der Niederlande durch die Deutschen in den Untergrund und kämpfte gegen die Nazis. Sie lebt jetzt in den USA. Mein Bruder ist gestorben.
8. Was für Hobbys haben Sie?
Geturnt habe ich immer sehr gern und turne auch heute noch. Ein weiteres Hobby ist für mich jetzt die Sportfliegerei. 
9. Welche Berufsausbildung hatten Sie?
Ich habe Maschinenbau studiert.
10. Wo haben Sie gearbeitet?
Nach 1938 habe ich in den Niederlanden gearbeitet, so lange es ging. Nach der Befreiung konnt ich meiner Tätigkeit dann wieder nachgehen und in Leuwarden helfen, die Maschinenfabrik aufzubauen. An ihrem Ufer wird übrigens die niederländische 11 - Städte - Tour in harten Wintern gestartet.
11. Hat es Sie erschreckt, als Hitler 1933 an die Macht kam?
12. Wie hat Ihre Familie darauf reagiert?
Ja, wir hatten einen sehr großen Schreck bekommen, als am 30. Januar die Nachricht vom Sieg der Nazis durch das Radiokam. Es war 1 Uhr mittags, als wir sie hörten. 
13. Wie haben Sie die ersten Nazijahre erlebt?
Es war eine schlimme Sache. Wir wurden nach und nach immer mehr ausgeschlossen und gingen später nach Oldenburg, weil wir dort in der jüdischen Gemeinde weiter zur Schule gehen konnten. Ich selbst floh dann 1938 mit dem Fahrrad meines Onkels bei Neuschanz in die Niederlande. 
14. Welche Auswirkungen hatten die Nürnberger Gesetze für Sie?
Mit den Gesetzen wurde bestimmt, wie wir Mitbürger Schritt für Schritt immer weiter aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurden. Das war bedrückend für uns. Wir waren ja wie alle anderen. 
15. Wie haben Sie die Stimmung in Weener nach den Nürnberger Gesetzen erlebt?
Im Juni 1933 wurde schon mein Vater von der SA abgeholt und verhaftet. Er kam dann in das KZ -Börgermoor. (Die Klasse hat die Gedenkstätte des KZ - Esterwegen besichtigt.) Ich hatte in der Zeit  einen sehr guten Freund, den Heinz Suhlmann. Wir haben dieselben Spiele gespielt, wie alle anderen auch. Aber mit der weiteren Entwicklung schlossen wir Juden uns immer enger zusammen. Auch die, die  `ungläubig' waren, fühlten sich als Teil der Gemeinde, weil das gemeinsame Schicksal uns jetzt verband. Die Synagoge war aber schon immer Mittelpunkt.
16.  Wie haben Sie sich gefühlt, als die jüdischen Mitbürger immer weiter ausgeschlossen
       wurden?
Wenn man wie ich einen richtigen Freund hatte, dann ist dieser Kontakt natürlich nie ganz abgebrochen. Aber für uns wurde es immer schwerer,uns überhaupt irgendwo zu treffen. Denn wir durften nicht mehr in die Schwimmbäder, durften nicht Schlittschuhlaufen, irgendwann
nicht mehr jederzeit auf die Straße gehen, durften nicht mehr zu den Treffpunkten unserer Freunde gehen, wurden in der Schule  absgeschlossen, durften nicht mehr in Parks.
17. Wie haben Sie die gewalttätigen Handlungen der Nazis gegen jüdische  
    Mitbürger erlebt?
Es war schrecklich, als wir Kinder erleben mußten, wie der Vater vor unseren Augen von SA und Polizei abgeführt wurde. Er wurde zweieinhalb Jahre später wieder entlassen. Als 1938 die Synagoge von den Nazis in Brand gesteckt wurde, und die Scheiben in unserem Haus eingeschlagen  wurden, kam die Frau des Rabbi zu uns, um für ein Versteck für sich und der Rabbi zu fragen.
18. Ist jemand aus Ihrer Familie in Haft geraten?
Mein Vater wurde 1933 und 1938 verhaftet, er hatte sechs Geschwister,  von denen keines aus den Konzentrationslagern zurückgekommen ist. Meine Schwester hat in Holland im Untergrund gegen die Nazis gekämpft.
19. Welche Folgen hatte das für sie? Sind Sie geflohen?
Ich bin mit meinem Onkel auf dem Fahrrad nach Holland geflohen. Es gab Schwierigkeiten, über die Grenzen zu kommen. Es war nicht selbstverständlich, in Holland aufgenommen zu werden. Andererseits wäre es unser sicherer Tod gewesen, wenn die Grenzposten uns zurück nach Deutschland geschickt hätten.
20. Wohin sind Sie geflohen?
21. Wie haben Sie die Zeit in Ihrer neuen Heimat erlebt?
Ich bin in die Nähe von Leuwarden geflohen. In den Niederlanden war die Besatzungszeit schrecklich. In sehr viel kürzerer Zeit wurden dort  jüdische Bürger verfolgt und deportiert. Wir hatten nicht gedacht, daß es hier so schnell gehen konnte. In Leuwarden haben wir uns  
niedergelassen. Dort haben wir eine Maschinenfabrik gegründet. Inzwischen haben wir eine Zweigfabrik in Nordrhein-Westfalen. Ich habe zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Die Tochter ist Israelin geworden und arbeitet jetzt bei der israelischen Fluggesellschaft EL-AL  in Amsterdam. 
22. Wie fühlen Sie sich heute in Weener?
Oh, das ist eine gute Frage, die sehr schwer zu beantworten ist. Ich bin in der Zwischenzeit öfter in Weener gewesen. Auch mit der Belegschaft meiner Firma. Hier habe ich gute Freunde. Auch arbeite ich in der deutsch-jüdischen Freundschaftsgesellschaft mit. Trotz des erlebten Leids fühle ich mich noch zu Weener hingezogen. Meine Familie lebte seit Generationen hier. Ich verspüre auch heimatliche Gefühle, aber auch noch Angst. Viele in Holland verstehen nicht, daß ich nach Weener fahre. Aber ich finde, wir sollten uns über die Generationen die Hand reichen. 

Nach dem Gespräch klatschte die Klasse Beifall, Herr de Jonge gab allen die Hand. Bedankte sich für die aufmerksame Geduld und die guten Fragen. Betroffenheit war bei allen zu spüren. So ein Gespräch wird nie vergessen werden.

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