├ťber Heinz Liepmanns Leben ist wenig bekannt - es d├╝rfte au├čerordentlich schwierig sein, einen befriedigenden biographischen Abriss von ihm zu schreiben. Das liegt nicht nur an den unsicheren Zeiten , in denen er lebte, sondern auch an den von ihm selbst hergestellten L├╝cken und grauen Zonen in seinem Lebenslauf. Im Vorwort zur Neuausgabe von "...wird mit dem Tode bestraft" gibt Liepmanns Witwe Ruth in sch├Âner Offenheit zu verstehen, dass sie s├Ąmtliche Ereignisse vor der Eheschlie├čung 1949 lediglich aus den Erz├Ąhlungen Liepmanns kannte. (a.a.O, S.V) Mit Recht versucht daher Klaus M├╝ller-Salget in seinem verdienstvollen Aufsatz: "Zum Beispiel Heinz Liepmann." (M├╝ller-Salget, a.a.O) die Spuren eines gebrochenen Lebens im Werk aufzusp├╝ren.

Die Verlusterfahrungen in fr├╝her Kindheit (Liepmann verlor 1917/18 beide Eltern) sowie seine j├╝dische Abstammung stempelten ihn fr├╝h zum Au├čenseiter. Der Vater Salomon Liepmann fiel 1917 als Kriegsdienstfreiwilliger - das ist die Keimzelle f├╝r Liepmanns unbedingten Pazifismus, der auch seine journalistische Arbeit der Nachkriegszeit entscheidend pr├Ągte. Hinzu kam die bittere Erfahrung, dass der Assimilationsversuch des Vaters, der f├╝r den innerfamili├Ąren Gebrauch sogar den deutschen "Heldennamen" Siegmund annahm, als deutscher "Patriot" vergeblich blieb. Das Ressentiment des sich ausgesto├čen F├╝hlenden erkl├Ąrt wohl auch seine zum Teil schroffen Theater- und Literaturkritiken. Zeugnis seines Kompensationsbed├╝rfnisses sind auch das trotzige "Ich war Gegner" aus dem Vorwort zum "Das Vaterland" (a.a.O., S.14) sowie der deutlich autobiographisch gezeichnete Held von "...wird mit dem Tode bestraft",der laut M├╝ller-Salget "wie ein Old Shatterhand durch den Dschungel des Hitlerreichs" geht. (M├╝ller-Salget, a.a.O., S.301) Die beiden Romane tragen bei allem ungeheuchelten Entsetzen ├╝ber die Nazi-Diktatur auch Z├╝ge eines Wunsch-Lebenslaufes. Die Stilisierung zum Widerstandk├Ąmpfer ist auch der Versuch, sich eine Alternativ-Biographie zu erschreiben. Der Kampf gegen Hitler gab dem Haltlosen wenigstens f├╝r eine kurze Zeit eine Aufgabe, einen Sinn (darin ist er Klaus Mann vergleichbar). Eine kurze Zeit, denn seine Morphiumabh├Ąngigkeit, die eingeschr├Ąnkten M├Âglichkeiten des Exils und die tiefe Verbitterung und Entt├Ąuschung ├╝ber das Ausbleiben des ersehnten innerdeutschen Widerstandes h├Ątten Liepmann wohl beinahe zerbrochen. Dieses Emigrantenschicksal macht ihn zu einer zerrissenen, widerspr├╝chlichen und f├╝r die deutsche Exilliteratur durchaus exemplarischen Figur.

Geboren wurde Max Heinz Liepmann am 27. August 1905 in Osnabr├╝ck am Rosenplatz. Sein Vater, geboren 1878 in Hamburg, stammte aus einer dort alteingesessenen Schiffshandwerkerfamilie. Er war unselbstst├Ąndiger Kaufmann und ├╝bersiedelte schon bald nach Heinz' Geburt mit seiner Frau Hermine (*1871) und seiner Tochter Else (*1903) wieder nach Hamburg. Hier sollte Liepmann die ersten 13 Jahre seines Lebens verbringen bis ein Jahr nach dem Tod seines Vaters auch die Mutter am 25.2.1918, wahrscheinlich an einem Magenleiden, starb. Die Diskriminierung der Juden, die selbst oder deren V├Ąter - wie sein eigener - im ersten Weltkrieg "f├╝r Deutschland" gestorben waren, empfand Liepmann als tiefste Ungerechtigkeit und versuchte teilweise sie in seinen B├╝chern zu verarbeiten, anders ist die Zeichnung des Juden Arthur im Vaterland, dem bei seiner Verhaftung pl├Âtzlich bewusst wird, "da├č er ja Kamerad nicht mehr sein durfte" (Vaterland, a.a.O., S.177), wohl nicht zu verstehen. Nach dem Tod der Eltern wurden die Kinder getrennt - Else kam nach Osnabr├╝ck, Heinz zu einen kinderlosen Onkel m├╝tterlicherseits und dessen Frau, dem Ehepaar Max und Meta H├Âllander nach Bielefeld. Hier soll er angeblich aber schon nach kurzer Zeit wieder ausgerissen sein, zun├Ąchst nach Lindau, wo er in einer G├Ąrtnerei arbeitete, dann in die USA und 1922 wieder zur├╝ck nach Deutschland, nach Frankfurt/M. Einigerma├čen gesichert scheint jedenfalls, dass er hier sp├Ątestens ab 1923 lebte und Vorlesungen in Literatur, Philosophie, Psychologie und vielleicht auch Medizin an der Frankfurter Universit├Ąt besuchte. Als Student eingeschrieben war er allerdings nie, was die ├ťberpr├╝fung dieser Angaben sehr erschwert. Um sich hier ├╝ber Wasser zu halten, schrieb er regelm├Ą├čig kleinere Betr├Ąge f├╝r die Frankfurter Zeitung und in den folgenden Jahren kam noch eine Stellung als Regie- und Dramaturgieassistent an den St├Ądtischen B├╝hnen hinzu. Ebenfalls in diese Zeit f├Ąllt seine erste au├čerjournalistische Schriftstellert├Ątigkeit: 1926 schreibt er das Schauspiel Der Tod des Kaisers Wang-Ho. Ab 1927 lebte Liepmann wieder in Hamburg, wo er eine Anstellung als Hilfsdramaturg an den Hamburger Kammerspielen hatte und ver├Âffentlichte au├čerdem die Schauspiele Der Diener ohne Gott, Die Kammer ist schuld daran und Columbus, letzteres ist neben den Drei Apfelb├Ąumen (1933 unter dem Pseudonym Jens C. Nielsen) das einzige Schauspiel Liepmanns dessen Auff├╝hrung bezeugt ist. Liepmann stand nun am Anfang seiner literarischen Karriere. In den folgenden Jahren ver├Âffentlichte er die Romane N├Ąchte eines alten Kindes, Die Hilflosen (beide 1929) und Der Frieden brach aus (1930) 1931 erhielt er f├╝r den erstgenannten den Internationalen Literaturpreis des Verlages Harper & Brother. Die Hamburger Zeit war f├╝r Liepmann wohl eine recht schwere, allerdings konnte seine damalige Freundin Myra Rosovsky (sp├Ąter Mira Rostova), der auch beide Romane gewidmet sind, in dieser vor allem seine Morphiumabh├Ąngigkeit betreffenden schwierigen Phase helfen. Die Morphiumabh├Ąngigkeit ist allem Anschein nach auf eine recht fr├╝he Behandlung einer Nierenkolik mit Morphium zur├╝ckzuf├╝hren. Einmal an diese Droge gew├Âhnt sollte Liepmann es - wenn ├╝berhaupt - nicht so schnell schaffen wieder davon loszukommen.

1933 ist sein Name auf der ersten offiziellen "Schwarzen Liste" zu finden - seine B├╝cher wurden von den Nazis verboten. Der j├╝dische und noch dazu linksgerichtete Autor hatte in Deutschland keine Chance mehr.

Nun beginnt eine der grauen Zonen in Liepmanns Leben. Tatsache ist, dass er nach Frankreich ├╝bersiedelte, wo er in Paris das Vaterland schrieb. Liepmann selbst behauptet jedoch, zuvor von der Gestapo verhaftet und ins KZ Wittmoor deportiert worden zu sein, wo ihm angeblich nach wenigen Tagen die Flucht gelang. Es erscheint allerdings aufgrund der vielen Ungereimtheiten sehr viel plausibler, dass Liepmann hier - wenn nicht sogar schon bei der "Flucht" aus dem Hause seines Vormundes - mit der Erschreibung seines Alternativ-Lebenslaufes beginnt. Erstens um sich, sowohl vor seinen Lesern als auch vor sich selbst mehr Glaubw├╝rdigkeit zu verleihen und zweitens um Aufmerksamkeit zu erregen.

1934 reiste Liepmann nach Amsterdam um mit dem dortigen Verlag Arbeideers ├╝ber eine holl├Ąndische Ausgabe des Vaterlands zu verhandeln. Bei seiner Ankunft wurde er von der holl├Ąndischen Polizei auf Bestreben der deutschen Beh├Ârden verhaftet, von dem holl├Ąndischen Gericht "wegen Beleidigung des Oberhauptes eines mit Holland befreundeten Staates" zu einem Monat Haft verurteilt und danach nach Belgien abgeschoben. Liepmann kehrte nach Paris zur├╝ck, wo er noch 1934 Das Leben der Million├Ąre ver├Âffentlicht und 1935 den offenbar schon in der Haft begonnenen Roman ...wird mit dem Tode bestraft. Am 11.6.1935 erfolgt die Ausb├╝rgerung aus Deutschland auf der 4.Liste mit der Begr├╝ndung: "Heinz Liepmann, j├╝discher Schriftsteller, treibt in aller Welt ├╝ble Greuelhetze durch seine Schriften und in ├Âffentlichen Vortr├Ągen. In Holland wurde er wegen Beleidigung des verewigten Reichspr├Ąsidenten mit Gef├Ąngnis bestraft und nach Belgien abgeschoben."

1936 geht Liepmann nach England, wo er jedoch "wegen gesetzwidrige Besitzes von Rauschmittel zu einer zu einer Geldstrafe [...] verurteilt [wurde]." Auch in den USA, in die er 1937 emigrierte, musste er wiederholt Haftstrafen wegen Drogenkonsums absitzen. Die immer noch anw├Ąhrende Morphiumabh├Ąngigkeit machte Liepmann, wie Brecht ├╝ber ihn schreibt, Sorgen, da er bef├╝rchtete ihm werde keiner glauben, wenn sie bekannt w├╝rde.

Was genau er in den USA machte, ist nicht bekannt, neben gesicherten Angaben, wie der Mitarbeit bei verschiedenen amerikanischen Zeitungen wie z.B. der Time, gibt es auch weniger gesicherte, wie z.B. den Erwerb eines Doktortitels. Nicht verwunderlich erscheint es in Anbetracht dessen, dass gerade bei der Zeitschrift, die stets - wie auch hier - als Beispiel angegeben wird, die Mitarbeit erst 1943 begann, auch, dass stellenweise sogar Behauptungen, wie, er habe auf einer Pferderanch gearbeitet, aufgestellt werden. Dieses ist jedoch gar nicht unbedingt auf fehlerhaftes Recherchieren der Forscher zur├╝ckzuf├╝hren, sondern vor allem auch auf die vielfach widerspr├╝chlichen Angaben Liepmanns. F├╝r den Zeitraum von 1941 -1943 gibt es keine gesicherten Lebensdaten ├╝ber ihn. Ob er damit seine Haftstrafen wegen Drogenbesitzes vertuschen wollte, oder ob da noch mehr dahinter steckte, interessant scheint jedenfalls, dass er diese Geschichten so oft erz├Ąhlte, bis er sie anscheinend selbst glaubte.

1937 ver├Âffentlichte Liepmann in England Death from the Skies. A Study of Gas and Microbial Warfare (in den USA unter dem Titel Poison in the Air) eine damals noch etwas paranoid anmutende Warnung vor der Aufr├╝stung Deutschlands mit chemischen und biologischen Waffen.

1947 kehrt Liepmann als freier Schriftsteller und Journalist verschiedener aus- und inl├Ąndischer Zeitungen nach Hamburg zur├╝ck. Hier lernt er Dr. jur. Ruth Lilienstein (*1909) kennen, die ihn 1949 heiratet. In diesen und den folgenden Jahren ver├Âffentlicht er Das 6. Fenster im 11. Stock (1948), eine Sammlung von Erz├Ąhlungen, die offenbar gr├Â├čtenteils nur den Zweck Geld nach Hause zu bringen erf├╝llen sollte, 1950 den englischsprachigen Roman Case History, 1952 ├ťbersetzungen von John Guther's Eisenhower und Elmer Rice's Neapel sehen und sterben, die Biographie Rasputin. Heiliger oder Teufel und Verbrechen im Zwielicht (beide 1958), 1961 die Aufsatzsammlung Ein deutscher Jude denkt ├╝ber Deutschland nach und die ├ťbersetzung von Case History: Der Ausweg. Bekenntnisse des Martin M., offenbar der Versuch schlie├člich doch noch mit seiner Morphiumabh├Ąngigkeit fertig zu werden. Mitte der 50er Jahre entwickelt sich au├čerdem die Freundschaft Liepmanns zu Erich Maria Remarque. Ob sie sich vielleicht schon vorher kennen gelernt hatten ist nicht bekannt. Nach Angaben von Liepmanns Witwe, haben sie sich vermutlich in Z├╝rich, wo sich Liepmann in dieser Zeit ├Âfter wegen einer ├Ąrztlichen Behandlung aufhielt getroffen.

1962 zieht das Ehepaar Liepmann nach Z├╝rich, wo Liepmann weiterhin als Mitarbeiter verschiedener Zeitungen und au├čerdem noch f├╝r den norddeutschen Rundfunk arbeitet. 1964 ver├Âffentlicht er seinen letzten Roman Karlchen oder die T├╝cken der Tugend, der Protagonist Karlchen leidet an der "Krankheit" nur die Wahrheit sagen zu k├Ânnen und lebt deshalb- zuerst gezwungenerma├čen, dann freiwillig - in einer psychiatrischen Pflegeanstalt, da er "einsieht", dass er f├╝r seine Mitmenschen, die mit seiner Krankheit nicht umgehen k├Ânnen, eine Gefahr darstellt.

1966 publiziert Heinz Liepmann noch die Aufsatzsammlung Kriegsdienstverweigerung oder Gilt noch das Grundgesetz bevor er schlie├člich am 6.6.1966 w├Ąhrend eines Erholungsurlaubes im Ferienhaus im Agarone, das die Liepmanns offenbar ab ca. 1959 besa├čen, infolge von drei Herzinfarkten starb. Auf seinen ausdr├╝cklichen Wunsch wurde er auch hier in Agarone beerdigt.

Heinz Liepmann erscheint uns auch heute noch als sehr lohnender Autor. Nicht nur wegen seiner umfangreichen journalistischen Arbeit, die ein durchaus wichtiges Zeitdokument darstellt, sondern vor allem wegen der Vermischung von Realit├Ąt und Fiktion, die Liepmann an seinem Leben vornahm.

Heinz Liepmann war ein Autor, dessen literarische Karriere vor allem darauf aufbaute, dass er Gegner war, und dass er im Nationalsozialismus etwas gefunden hatte, gegen das er k├Ąmpfen konnte. Stilistisch bedeutend kann man ihn nicht nennen, vielmehr ist in den Werken ab 1933 ein Stilbruch zu erkennen - kann man in seinen fr├╝heren Romanen wie z.B. in Der Frieden brach aus noch eine gewissen Ironie, einen gewissen Humor erkennen, sucht man in seinen sp├Ąteren Schriften vergeblich danach. Liepmann, will informieren und appellieren, er lebt literarisch zweifellos von seinen Inhalten und geht in der Realit├Ąt doch daran zugrunde.

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