Nathanael aus "Der Sandmann" von E.T.A. Hoffmann

eine psychoanalytische Studie

Anabelle Pillar, Simone Reski, Sabrina Simon

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Die grundlegenden Wurzeln für Nathanaels psychische Störungen sind in seiner Kindheit zu finden. Ausschlaggebend für seinen Wahnsinn ist in erster Linie das zwiespältige Verhalten seines Vaters, das für Nathanael zunächst unerklärlich scheint. Auf der einen Seite gibt sich Nathanaels Vater als liebevoll und fürsorglich gegenüber seiner Familie, auf der anderen Seite zeigt er sich finster, verschlossen und führt von Nathanael gefürchtete Versuche mit dem verhassten Advokaten Coppelius durch. Das rätselhafte Benehmen des Vaters verleitet Nathanael dazu, ihn und Coppelius bei den geheimnisvollen Experimenten zu beobachten. Dabei kommt es zu einem ersten traumatischen Erlebnis. Nathanael wird entdeckt. Unklar ist, ob Nathanael während dieses Erlebnisses in der Lage ist, Realität und Phantasie zu differenzieren. Coppelius droht ihm offenbar mit dem Ausreißen seiner Augen. Hierbei werden ihm die Worte seiner Kinderfrau bewusst: "Der Sandmann ...das ist ein böser Mann, der kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bett gehen wollen und wirft ihnen Händevoll Sand in die Augen, dass sie blutig zum Kopf herausspringen, die wirft er dann in den Sack und trägt sie in den Halbmond zur Atzung für seine Kinderchen; die sitzen dort im Nest und haben krumme Schnäbel, wie die Eulen, damit picken sie der unartigen Menschenkindlein Augen auf." Nathanael findet damit seine Vermutung bestätigt, dass Coppelius der gefürchtete Sandmann ist. Aus diesem Grund projiziert Nathanael unbewusst den aufgestauten Hass gegen die dunkle Seite des Vaters auf den von ihm verabscheuten Coppelius. 
Die Hassliebe zu seinem Vater löst bei Nathanael Schuldgefühle aus. Als Nathanaels Vater bei den heimlichen, illegalen Versuchen ums Leben kommt, findet das von Verdrängung am stärksten betroffene Stück (auf das wir später noch eingehen werden), der Todeswunsch gegen den bösen Vater, Darstellung im Tod des "guten" Vaters. Der Hass Nathanaels auf den Vater kann erneut auf Coppelius übertragen werden. Und doch bleiben Gewissensbisse. Nathanael schafft es nicht, die Vorgänge um den Tod des Vaters zu verarbeiten. Sein "Ich" zieht sich aufgrund dieser Tatsache partiell aus der Realität zurück. Belastende Informationen über seinen Vater bleiben im Bewusstsein, werden aber abgespalten und dauerhaft auf die Negativfigur Coppelius projiziert. Diese Bedingungen verursachen schließlich die Schizophrenie Nathanaels: Coppelius und andere Menschen, die ihn in irgend einer Form an Coppelius erinnern (z.B. der einfache Wetterglashändler Coppola), lassen Nathanael in seinem ganzen Leben nicht mehr los: Nathanael fühlt sich von derartigen Personen beobachtet und bedroht. Die schizophrene Erkrankung äußert sich in Verfolgungswahn und in der Unfähigkeit, dauerhafte sexuelle Beziehungen zu führen. So ist es ist ihm nicht möglich, mit Clara, seiner Verlobten, eine dauerhafte und (sexuell) erfüllte Beziehung zu führen. Auch seine merkwürdiges Verhältnis zu dem Automaten Olimpia zeigt diese Beziehungsstörung.

Denkbar ist auch ein anderer psychoanalytischer Ansatz: Eine besondere Rolle spielen in Nathanaels Leben Augen bzw. spielt das Verlieren der Augen. Nach Freuds Auffassung ist die Angst zu erblinden gleichzusetzen mit Kastrationsangst. (Diese verweist wiederum auf die mythische Gestalt des Ödipus.) Auch mit diesem Ansatz lässt sich die Figur des Nathanael interpretieren:

Coppelius, der Nathanael als Kind die Augen herausreißen wollte, tritt in verschiedener Form immer wieder in Nathanaels Leben ein, ja wird von ihm als latente Bedrohung empfunden. Aufgrund der ständigen (geistigen) Anwesenheit von Coppelius lässt Nathanael die Kastrationsangst nicht los. Sie verfolgt ihn so stark, dass Coppelius schließlich als Zerstörer von Nathanaels Liebes- und Lebensglück auftritt. Er zerstört seine Liebe sowohl zu Clara als auch zu Olimpia. Nathanaels latente Ängste werden von ihm - soweit das möglich ist - verdrängt und gelangen so ins Unterbewusstsein. Nach Freud wäre die einzige Therapiemöglichkeit, das Verdrängte im Unterbewusstsein ins Bewusste zu übertragen und sich damit direkt auseinander zusetzen. Als Nathanael dieses aber mit einem Gedicht, das er Clara vorliest, versucht, wird er zurückgewiesen und erhält von ihr das Verbot, seine therapeutisch wirksamen Gedanken mitzuteilen. Der Widerstand, der die Verdrängung ausmacht, existiert also weiter. Da diese Verdrängung, so Freud, vom "Ich" ausgeht, dieses "Ich" bei Nathanael aber gestört ist, verliert Nathanael die Kontrolle über bestimmte Partialvorgänge (z.B. Träume) und über die Abfuhr der Erregungen in die Außenwelt. So baut sich Nathanael eine Phantasiewelt auf, die die Anpassung des Ich an die Außenwelt stört. In der Phantasiewelt kann Nathanael seine unbefriedigten Wünsche erfüllen, das Vaterbild korrigieren. Zum endgültigen Wahnsinn führt bei Nathanael die Tatsache, dass Olimpia bei einem Streit zwischen Coppola und Professor Spalanzi die Augen herausfallen. Er verfällt dem Wahnsinn, als er erkennen muss, dass Olimpia eine Puppe ist. Die Wahrnehmung der schwarzen Höhlen in Olimpias Gesicht kann als Auslöser dafür gesehen werden, dass sich die traumatischen Kindheitserinnerungen mit dem Neuerlebten vermischen. Nathanael wird so die Möglichkeit genommen, seine innere Welt in den Augen Olimpias zu spiegeln, was ihn bisher vor dem Wahnsinn bewahrt hat. Die Projektionsfläche ist jetzt zerstört. Nathanael wird sich bewusst, dass seine Innenwelt ohne diesen Halt, den ihm die gleichgesinnten Augen gegeben haben (wenn sie auch nur ein Spiegel seiner eigenen Gefühle waren), von der Außenwelt abgeschnitten ist. Er verliert sich im Chaos unkontrollierbarer Emotionen.

Widererwartend kommt es nach diesem schwerwiegenden Vorfall zu einer scheinbaren Genesung, in der Nathanael zu Clara zurückkehrt. Es sieht so aus, als ob Nathanael ein "normales" Leben führen kann. Als er jedoch mit Clara auf den "Ratsturm" seiner Heimatstadt steigt, erleidet er einen erneuten Wahnsinnsanfall, der mit seinem Tod endet. Ursache für diesen Ausbruch ist die Aufforderung Claras, durch das Perspektiv, das Nathanael von Coppola erworben hat, einen "kleinen grauen Busch" zu betrachten. Unglücklicherweise steht Clara vor dem Glas, das ihm immer das Gegenteil dessen vorzugaukeln scheint, was tatsächlich real ist. So erschien ihm die leblose Olimpia lebendig und Clara erscheint ihm hier demnach als Puppe, die er zerstören muss, damit sie ihm keine weitere Enttäuschung zufügen kann, wie es damals mit Olimpia der Fall gewesen ist. Dass Nathanael Clara als Puppe sieht, wird deutlich an seinem Ausruf: "Holzpüppchen, dreh dich!"

Zusammenfassend ist zu sagen, dass das Werk "Der Sandmann" von E.T.A. Hoffmann viele Bereiche der Zeit Hoffmanns kritisch durchleuchtet. So wird Nathanael nicht als der Bösewicht des Märchens dargestellt, sondern als Opfer der Beziehung zu seinem Vater und als Opfer von bestimmten Denkweisen zu Beginn des 19. Jahrhunderts. So repräsentiert Clara etwa die "aufgeklärte" Gesellschaft: Sie verbietet ihm, seine wahren Gefühle preiszugeben. Sie verlangt somit, dass er sie unterdrückt. Hoffmann kritisiert eine Gesellschaft, die dem Menschen untersagt, Gefühle zu offenbaren. Ein weiterer Kritikpunkt Hoffmanns ist die Beziehung Nathanaels zu Olimpia. Ausschlaggebend ist in diesem Fall die Möglichkeit, dass ein Mensch überhaupt in der Lage ist, eine derart intensive Liebe zu einer leblosen Puppe aufzubauen.

Nach unserer Meinung ist "Der Sandmann" eine traurige, aber interessante und informative Erzählung, die den Weg eines Menschen zum Wahnsinn überzeugend darstellt. Nathanaels Schicksal wird für einen jeden nachvollziehbar.

Quellen:

Internet:

http://www.beratung-therapie.de/Krankheitsbilder/psychose/psychose.html

http://www.hausarbeiten.de/archiv/germanistik/germ-augenszenen.shtml

Lexikon:

Thomas Städtler: Lexikon der Psychologie. Wörterbuch, Handbuch, Studienbuch. Stuttgart: Kröner, 1998. [Kröners Taschenausgabe. Band 357]

Monographien:

Sigmund Freud: Gesammelte Werke. Werke aus den Jahren 1917-1920. Zwölfter Band. London: 3. Auflage 1966. S. 238-246.

Derselbe: Das Unbewusste. Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre. Das Ich und das Es. In: Derselbe.: Psychologie des Unbewussten. Studienausgabe. Band 3. Frankfurt/Main 1975. S. 143, 189, 190, 283 f, 286 f.

Aufsatz:

Aichinger, Ingrid: E. T. A. Hoffmanns Novelle "Der Sandmann" und die Interpretation Sigmund Freuds. In: Zeitschrift für deutsche Philologie. 95. Band. Berlin: 1976. S.113-122. HAB-Signatur: MZ 303

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