Das Judentum

Juden in Wolfenbüttel

 

 

Die Samsonschule

 

Fährt man aus Wolfenbüttel über den "Neuen Weg" Richtung Braunschweig, so sieht man kurz vor dem Ortsausgang links einen großen dreigeschossigen Ziegelbau, der sich deutlich von den Gebäuden der Umgebung abhebt. Es ist das Internat und die Bildungsstätte der Handwerkskammer Braunschweig.

Die Samsonschule

Neben dem schönen Portal auf der Vorderseite, das heute nicht mehr als Eingang dient, bemerkt man bei genauerem Hinsehen eine schlichte steinerne Tafel. Man muss schon etwas näher herantreten und sich etwas Mühe geben, will man den Text lesen:

 


S A M S O N - S C H U L E


1896 - 1928
Letztes Domizil der 1786 begründeten Religionsschule,
die sich früh den Gedanken der Aufklärung
und der christlich-jüdischen Symbiose öffnete.
Leopold Zunz war ihr bedeutendster Schüler und Lehrer.


 

Der Eingang mit der Steintafel

Diese Einrichtung hatte in ihrer Blütezeit weit über die Grenzen Wolfenbüttels hinaus Bedeutung. Leopold Zunz, der Begründer der Wissenschaft des Judentums war Samsonschüler, ebenso wie Emil Berliner, der Erfinder der Schallplatte, des Mikrophons und des akustischen Schalldämpers, Isaac Marcus Jost, der erste bedeutende jüdische Historiograph der Neuzeit und Werner Scholem, Mitglied des Reichstags und Redakteur der "Roten Fahne" - 1940 ermordet im KZ Buchenwald.

 

Der Eingang aus einer anderen Perspektive


Literatursplitter

" Von den jüdischen Schulgründungen um 1800, die sich das Ziel setzten, der jüdischen Jugend europäische Bildung zu vermitteln, sind insbesondere zu nennen: ..., 1786 Samsonschule zu Wolfenbüttel,... . Einige von diesen verdienen aus verschiedenen Gründen ein besonderes Interesse. Zwei davon liegen im Herzogtum Braunschweig, das sich schon sehr frühzeitig einer modernen pädagogischen Entwicklung zugewandt hatte; hier war bereits 1745 von dem christlichen Abt Jerusalem das Collegium Carolinum errichtet worden, aus dem dann später die heutige Technische Hochschule hervorgegangen ist. In dem benachbarten Wolfenbüttel wurde 1786 von den Brüdern Herz und Phillipp Samson beide Kammeragenten des Herzogs und ersterer auch Landesrabbiner des Herzogtums Braunschweig eine Schule gegründet, die sich im wesentlichen auf den Talmudunterricht beschränkte und nur vier bis fünf Stunden wöchentlich auf Lesen, Rechnen und Jüdischschreiben verwandte. 1806 wurde der Unterricht der Realien eingeführt und mit ihm der Name "Samson'sche Freischule". 1840 wurde sie in eine dreiklassige Bürgerschule umgewandelt, 1888 in eine sechsklassige Realschule, die 1892 die Berechtigung erhielt, "Einjährigen-Zeugnisse" auszustellen. Seit 1881 wurden auch christliche Schüler aufgenommen. Bemerkenswert ist die allmähliche Umwandlung einer Bet Hamidrasch, einer alten Traditionsschule, in eine moderne Wissenschaftsschule. " (Doch das Zeugnis lebt fort, Der jüdische Beitrag zu unserem Leben, Berlin, Frankfurt/Main 1965)

"1786 wird die von Philipp Samson gestiftete talmudische Lehranstalt (Beth-hamidrasch) am 4.6. in Wolfenbüttel, Harzstr. 12 eröffnet und mit seiner dort 1781 erbauten Privatsynagoge verbunden.
...
1821 Klassengebäude an der Krummen Straße erbaut.
...
1885 Das Schulgebäude an der Kommißstraße wird übernommen (das ehemals Strombecksche Haus)
...
1882 Klassengebäude errichtet
...
1896 Neues Schulgebäude am Neuen Weg bezogen"
(Veröffentlichungen des Braunschweigischen Landesmuseums 46,
Samsonschule Wolfenbüttel (1786-1928), Ausstellung aus Anlaß der 200. Wiederkehr des Gründungstages, Wolfenbüttel 1986)

"Die ehemals orthodoxe Religions-Schule hatte sich in ein Erziehungsheim für Knaben verwandelt. Die Samson-Familie gewährte dieser Entwicklung eine großzügige Unterstützung. Sie beschloß den Bau eines modernen Schulhauses. Fern vom Getriebe der Stadt wurde ein fast 100 Ar großes Grundstück in bester Lage erworben, auf dem ein zweistöckiges Schulgebäude errichtet wurde. Im Keller wurden alle technischen Betriebseinrichtungen wie Heizung, Lüftung, Küche, Wäscherei etc. untergebracht. Im Erdgeschoß lagen die Klassenzimmer, im ersten Stockwerk die Arbeits- und Aufenthaltsräume, sowie die Bibliothek, der Speisesaal und die Aula; der zweite Stock war für die Schlafsäle, die Waschgelegenheiten als auch für eine abgesonderte Krankenabteilunug hergerichtet. Die Lehrerzimmer waren über alle Stockwerke so verteilt, da die Zöglinge nie ohne Aufsicht blieben. Eine eigene Turnhalle mit anschließenden Freiplätzen erlaubte die Ausübung vieler Sportarten. 1896 konnte das neue Heim bezogen werden. Stolz wehte von seinem Dachgiebel eine seidengestickte Schulfahne, die jetzt im jüdischen Museum in Braunschweig einen Platz gefunden hat. In kurzer Zeit war die Schule mit 150 Schülern voll besetzt."(Dr. Ernest A. Boas, Das Wolfenbütteler Erbe, Die Geschichte dreier Familien, Wolfenbüttel 1994)

 


1928 mußte die Schule wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten schließen. Sie hat in der Folgezeit unterschiedliche Nutzungen erfahren, so diente sie lange Jahre als Krankenhaus bevor sie dann wieder Internat und Bildungseinrichtung wurde. Viele Spuren sind noch heute im Stadtbild zu finden, etwa das "Gründungshaus" in der Harzstraße 12 oder andere zeitweilige Schulhäuser.