Methodenbausteine
Umfrage
 

Obwohl die Allensbacher Meinungsforscher schon in den 50er-Jahren Bundeskanzler Adenauer berieten, kam die Umfrageforschung unter dem Stichwort "Genosse Trend" erst in den 70er-Jahren in das öffentliche Bewusstsein; Umfragen sind heute Gegenstand des täglichen Lebens, auch wenn es umAspekte von Wohnen und Bauen geht. Meinungsforschungsinstitute wenden mit der Umfrage eine klassische Methode empirischer Sozialforschung an. Solche Umfragen können Sie auch selber durchführen. Obwohl diese zwangsläufig weniger ausgefeilt sind, kann man bei Befolgung der methodischen Regeln durchaus ein zuverlässiges Bild über Meinungen und Bewertungen - z.B. zu den Wohnwünschen im eigenen Wohnviertel - gewinnen.

 

Allgemeines
In der Umfrageforschung unterscheidet man die Totalerhebung von der repräsentativen Umfrage. Bei einer Totalerhebung wird die Gesamtheit einer überschaubaren Personengruppe befragt, also beispielsweise alle Schülerinnen und Schüler der Kursstufe oder der Schule, alle Lehrerinnen und Lehrer oder alle Bewohnerinnen und Bewohner eines Stadtviertels. Bei der repräsentativen Umfrage wird eine Auswahl aus einer nicht mehr überschaubaren Personengesamtheit, eine so genannte Stichprobe, befragt. Es ist klar, dass eine repräsentative Umfrage nur dann zuverlässig ist, wenn die Stichprobe auch wirklich repräsentativ ist. Dies ist dann gewährleistet, wenn die Befragten nach dem Zufallsprinzip ausgesucht werden.

 

Fragebogen:
Eine entscheidende Durchführbarkeit und den Erfolg einer des Fragebogens, insbesondere Voraussetzung für die Umfrage ist die Gestaltung die Art der Fragen.
Grundsätzlich sollte ein Fragebogen nicht überfrachtet werden. Bei mehr als zwanzig Fragen ist die Gefahr gegeben, dass der Befragte die Geduld verliert. Dann ist darauf zu achten, dass die ersten Fragen nicht das Antwortverhalten bei den späteren Fragen beeinflussen. Schließlich sollten nach Möglichkeit keine offenen, sondern geschlossene Fragen gestellt werden.

 

Offene Fragen enthalten keine vorgegebenen Antwortkategorien und bedeuten deshalb, dass der Befragte seine Antwort völlig selbstständig formulieren muss. Dies verlangt, dass er sich an etwas erinnern muss. Unter Umständen entdeckt der Betreffende auch seine Unwissenheit, was seine Bereitschaft, sich auf weitere Fragen einzulassen, in der Regel nicht erhöht. Offene Fragen bereiten auch Schwierigkeiten bei der Auswertung, da die Fülle der Antworten nach übergeordneten Gesichtspunkten geordnet werden muss. Hier können sich dann lnterpretationsfehler einschleichen.
Bei geschlossenen Fragen werden dem Befragten zugleich alle möglichen oder zumindest relevanten Antworten nach Kategorien geordnet vorgelegt. Der Befragte muss lediglich seine Antwort auswählen. Daraus ergibt sich eine Einheitlichkeit und somit eine Vergleichbarkeit der Antworten. Es leuchtet ein, dass Antworten auf geschlossene Fragen auch einfach auszuwerten sind.
Geschlossene Fragen sind meistens entweder Auswahlfragen oder Skalenfragen. Auswahlfragen bieten mehrere Antworten zur Auswahl an, wobei die verschiedenen Antworten keine quantitativen Aussagen sind, sondern lediglich sich gegenseitig ausschließende Sachverhalte bezeichnen. Eine typische Auswahlfrage ist die so genannte Sonntagsfrage: "Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahlen wären, welcher der auf folgender Liste verzeichneten Partei würden Sie Ihre Stimme geben?" Die Liste enthält dann eine feste Liste von Parteinamen, sodass der Befragte eine Partei nennen muss. Zu den Auswahlfragen gehören auch die Einstellungs- und die Bilanzfragen. Auf eine Einstellungsfrage antwortet man mit "Stimme zu" oder "Lehne ab". Beispiel: Man will wissen, ob der Befragte mit einer bestimmten Politik zufrieden ist oder nicht. Skalenfragen erlauben die Messung der Intensität oder Häufigkeit von Werten, Meinungen, Gefühlen oder Handlungen. Beispiel: "Wie stark interessieren Sie sich für Politik?" Die Skala besteht dann aus den Elementen "sehr stark", "stark", "mittel", "wenig" und "überhaupt nicht".

 

Formulierung der Fragen
Bei der Frageformulierung sollten einige Faustregeln beachtet werden:

  1. Fragen sollen einfache Wörter enthalten.
  2. Fragen sollen kurz formuliert werden.
  3. Fragen sollen konkret in dem Sinne sein, dass sie sich auf überschaubare, im Bereich der Lebenserfahrung der Befragten liegende Sachverhalte beziehen.
  4. Fragen sollen keine bestimmte Beantwortung provozieren (so genannte Suggestivfragen).
  5. Fragen sollen neutral formuliert sein, d.h., sie sollen keine "belasteten" Wörter enthalten, wie beispielsweise "Wohnsilo" oder "Bürokrat".

Vorgehensweise
Eine Umfrage, die diesen Namen verdient, ist mehr als eine spontane Befragung auf dem Schulhof. Sie verlangt eine intensive Vorbereitung, eine sorgfältige Durchführung und abschließende Reflexion. Die Umfrage trägt deshalb Projektcharakter und sollte am besten in einer Projektwoche durchgeführt werden.

  1. Festlegung des Themas: z.B. Wohnwünsche von Schülerinnen und Schülern einer bestimmten Altersgruppe
  2. Festlegung der Befragungsgesamtheit: z.B.: Gesamtheit der Schülerinnen und Schüler der Oberstufe
  3. Entscheidung für eine Totalerhebung oder eine repräsentative Umfrage: In beiden Fällen muss man im Schulsekretariat bzw. beim Einwohnermeldeamt und/oder beim Statistischen Amt der Gemeinde die offiziellen Daten einholen, damit man über eine verlässliche Zahlenbasis verfügt. Bei einer großen Befragungsgesamtheit empfiehlt sich eine repräsentative Umfrage mithilfe einer Stichprobe. Der Umfang der Stichprobe richtet sich nach der zugrunde liegenden Gesamtheit. Als Anhalt können folgende Relationen dienen: Etwa 30 zu Befragende bei einer Gesamtheit von 300, etwa 70 bei 1.000, etwa 400 bei 10.000. Die Stichprobe ist nur zuverlässig, wenn sie das Zufallsprinzip berücksichtigt. Das bedeutet, dass jeder aus der Befragungsgesamtheit die Chance haben muss, in die Stichprobe zu gelangen. Das einfachste Verfahren ist die Auswahl per Los. Denkbar ist auch, jede x-te Telefonnummer zu nehmen. Bei einer Umfrage zum Thema Wohnwünsche sind bei der Festlegung der Stichprobe Merkmale zu berücksichtigen, die besondere Prägekraft haben: Geschlecht, berufliche Stellung und Alter müssen sich analog zu den Verhältnissen in der Gesamtheit in der Stichprobe wiederfinden.
  4. Entscheidung für eine Straßenbefragung oder eine telefonische Befragung: Die telefonische Befragung hat die Vorteile größerer Zufälligkeit, damit einer größeren Genauigkeit; außerdem hält sich der zeitliche Aufwand in Grenzen. Allerdings können nicht unerhebliche Kosten entstehen. Außerdem fehlt der persönliche Kontakt zu den Befragten. Der Vorteil der Straßenbefragung liegt in der "Öffnung der Schule" in Form der Realbegegnung. Ihre Nachteile sind der große organisatorische (Aufsicht!) und zeitliche Aufwand sowie Schwierigkeiten, das Zufallsprinzip zu gewährleisten.
  5. Einholen der Genehmigung: Die Genehmigung der Schulleitung ist auf jeden Fall bei einer Umfrage in der Schule (Wohnwünsche in der Sek. II) einzuholen.
  6. Erstellen des Fragebogens: Es ist streng darauf zu achten, dass die Anonymität der Befragten gewährleistet ist. Daher darf auf den Fragebögen kein Name eingetragen werden. Die Qualität des Fragebogens lässt sich prüfen, indem man mit seiner Hilfe die Umfrage im Kursrahmen übt.
  7. Information der Offentlichkeit: Diese Information ist sinnvoll bei einer Befragung außerhalb der Schule. Die Akzeptanz der Umfrage in der lokalen Öffentlichkeit wird erhöht. Als Form bieten sich ein Artikel und ein Kommentar in der Schülerzeitung bzw. auf der Homepage der Schule oder eine Mitteilung an die örtliche Presse an, die wiederum Grundlage eines Zeitungsartikels werden könnte.
  8. Durchführung der Umfrage: Die Anzahl der von jedem Interviewer durchzuführenden Befragungen sollte zwischen zwölf und fünfzehn liegen. Beim Interview ist darauf zu achten, dass man bei der Beantwortung der Fragen nur technisch helfen darf. Zum lnhalt des Fragebogens muss man sich strikt neutral verhalten. So darf man keine Antworten vorschlagen und auch keine eigene Meinung einfließen lassen. Ebenso darf man sich auf keinen Fall in Diskussionen über Politik verwickeln lassen. All dies würde nämlich das Antwortverhalten des Befragten beeinflussen und seine Antwort somit unbrauchbar machen.
  9. Auswertung, Veröffentlichung und Präsentation der Ergebnisse: Die Umfrageergebnisse können sie auch mithilfe einer Ausstellung der Schulöffentlichkeit bekannt machen. Dabei sollten Sie möglichst präzise auch den methodischen Zugriff erläutern. Vorbereitung, Durchführung und Ergebnisse der Umfrage können Sie in einem Projektordner dokumentieren, der ggf. später für andere Lerngruppen ein Anstoß zur Weiterarbeit sein.