Festvortrag zum 125-jährigen Jubiläum des Schulgebäudes

Die Schule

Wenn ehemalige Schüler sich an ihre Schulzeit erinnern, dann denken sie an Klausuren, Prüfungen, an Lehrer, an den Unterricht, evtl. an das Leben im Internat, aber sicherlich auch und nicht zuletzt an das Gebäude, das, so denke ich, kein gewöhnliches Schulgebäude ist, vor allem, wenn man es mit jüngeren Bauten vergleicht, mit modernen unpersönlichen kalten Betonklötzen, allein auf Zweckmäßigkeit ausgerichtet, weniger jedoch, wie ich finde, auf Ästhetik. Unser Schulgebäude jedoch, das im Jahre 1876 errichtet wurde, also vor 125 Jahren, ist eher warm, gemütlich, vielleicht identitätsstiftend - möglicherweise läßt es dadurch manche Schulprobleme milder erscheinen.

Doch genug der Lobpeisungen!
Die Schule
Die äußere Erscheinung des Gebäudes soll etwas nüchterner und in ihrer Zeitbedingtheit analysiert werden. In einem Band "Baudenkmale in Niedersachsen - der Kreis Cuxhaven", erschienen 1997, heißt es:
Der Backsteinbau [...] besteht aus einem dreigeschossigen Mitteltrakt und zweigeschossigen Seitenflügeln mit polygonalen Treppentürmen als Übergang. Die Anlage folgt damit dem Typus dreiflügeliger Schloßanlagen. Als charakteristische Elemente für die Gestaltung öffentlicher Bauten preußischer Prägung sind der hierarchische Aufbau der Großform, die gleichmäßige Reihung der Fensterachsen und die Betonung der Horizontalen durch Friese, insbesondere ein stark hervortretendes Kranzgesims aus unterschiedlichen Friesformen, hervorzuheben. [...]

Hier wird also Bezug genommen auf Schloßanlagen, und das war durchaus typisch für diese Zeit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der öffentliche Gebäude nach ähnlichem Schema und mit ähnlichem Zweck errichtet wurden. Sie waren nicht nur zweckgebunden, sondern Orte bürgerlicher Repräsentation, so wie auch Rathäuser und Justizgebäude. Man übernimmt hierbei Schloßelemente; diese Bauten sollen hierdurch repräsentieren, nach außen wirken, monumental sein, und dabei war auch die malerische Wirkung immer Teil des Konzepts.

Die Schule

Was war das überhaupt für eine Zeit, in der dieses Gebäude errichtet wurde? 1871, also fünf Jahre vor der Einweihung des Hauses, war das deutsche Kaiserreich gegründet worden, maßgeblich bestimmt und gestaltet durch Bismarck. Drei Kriege waren aus preußischer Sicht dazu notwendig gewesen, und nun wurde ein glanzvolles Reich errichtet, was auch in seinen Bauwerken dokumentiert werden sollte. Lange haben die Deutschen gewartet auf ein Reich nationaler Größe, wie es andere Völker besaßen. Im Wiener Kongreß 1815 und bei der Revolution von 1848 konnten die nationalen Sehnsüchte nicht befriedigt werden - jetzt war es gelungen und jetzt konnte man das auch in den Bauwerken dokumentieren.

Ich habe soeben den Prunk, eine gewisse Schloßähnlichkeit, hervorgehoben. Auf der anderen Seite jedoch gilt einschränkend zu sagen, daß - im Vergleich zu anderen öffentlichen Gebäuden jener Zeit - der Zierrat bei unserem Schulgebäude sich durchaus in Grenzen hält; es wirkt nicht so überladen und ist dadurch sicherlich auch noch in die heutige Zeit passend. Es ist bekannt, daß die Funktion unseres Hauses zunächst die eines Lehrerseminars war. Die Volksschullehrerausbildung im 19. Jahrhundert war ganz anders als heute. Zu dem Beruf des Volksschullehrers benötigte man keine akademische Ausbildung. Nach einer Vorbildung, einer sog. Präparandie, die seit 1850 staatlich normiert war, kam man im Alter von ca. 17 Jahren für drei Jahre an ein Seminar, an dem man zum Volksschullehrer ausgebildet wurde. Solche Seminare gab es beispielsweise in Verden, Uelzen, Lüneburg, Aurich, Stade und eben Bederkesa. Alle genannten Städte sind bedeutender gewesen als Bederkesa. Wie kam nun gerade Bederkesa mit seinen 1289 Einwohnern zu so einer überregional bedeutsamen Institution? Während die Errichtung des Seminargebäudes schon in die preußische Zeit fällt - das Kgr. Hannover, zu dem Bederkesa gehört hat, war 1866 von Preußen annektiert worden - reicht die Vorgeschichte noch bis in die Hannoversche Zeit, genauer gesagt, bis 1859, als eine Verwaltungsreform im Kgr. Hannover das bis dahin existierende Amt Bederkesa abschaffte und dem Amt Lehe inkorporierte.
Dieser Bedeutungsverlust, der ja auch wirtschaftliche Folgen hatte, bedingt durch die Abwanderung von Beamten, sollte durch einen Ersatz aufgefangen werden, eben ein Lehrerseminar. Zu diesem Zweck gab es eine ganze Reihe von Gebäudevorschlägen, auch an die Burg war gedacht worden. Jedoch entschied man sich in Berlin für die Errichtung eines eigenen Gebäudes, wenn auch einige Jahre verstreichen mußten, da durch die Kriege die finanziellen Möglichkeiten zunächst nicht vorhanden waren. Nachdem das abschüssige Gelände terrassiert worden war, erfolgte die Grundsteinlegung am 9. Juli 1874. Am 16. Oktober 1876 wurde das Haus, das unter anderem etwa drei Millionen Backsteine verschlungen hatte, seiner Bestimmung übergeben. Später, im Jahre 1898, wurde auch noch ein eigener Bau für die Präparande errichtet, heute ein Teil der Grundschule gleich gegenüber.

Die Schule

Die innere Ausgestaltung der Räumlichkeiten hatte mit der heutigen nur wenig gemein. Zu sehr haben sich im Laufe der Jahrzehnte und im Wechsel der Institutionen die Erfordernisse geändert. Die beiden Schlafsäle mit jeweils 45 Betten lagen in der zweiten Etage neben der Aula. Zu jedem Schlafsaal gehörte ein Waschraum, wo es nur kaltes Wasser gab. 1896 wurde es dann aber sehr üppig, als im Keller eine Dusche eingebaut wurde. Neben den Schlafsälen gab es noch Stuben, die als Aufenthalts- und Arbeitszimmer dienten, sechs Stück an der Zahl, jeweils für 15 Seminaristen gedacht.
In den folgenden Jahrzehnten gab es dann keine Umorganisation der Räumlichkeiten mehr, lediglich Modernisierungen wurden vorgenommen, so etwa eine Grundrenovierung im Jahre 1926, wobei moderne Elektro- und Sanitärinstallationen eingefügt wurden. Auch Eß-, Zeichen- und Musiksaal wurden umgebaut, 1936 dann Physik- und Chemieraum. Das war nun eine Zeit, in der die Bestimmung des Hauses sich schon deutlich gewandelt hatte, denn im Zuge der Akademisierung der Volksschullehrerausbildung wurden die Seminare in Preußen aufgelöst und stattdessen Pädagogische Akademien errichtet, für die Bederkesa zu klein war. Das geschah in den Jahren 1920 bis 1926. So wurde in unseren Räumlichkeiten eine andere Form von pädagogischer Institution eingerichtet, die sogenannte Deutsche Oberschule. Auch hier wurde nach einer gewissen Übergangszeit ein Internat eingerichtet, später auch für Mädchen.

Im 2. Weltkrieg erlitt das Gebäude eine ganze Reihe von Beschädigungen, einmal durch die Fremdnutzung als Kriegslazarett bzw. als Flüchtlingsnotunterkunft, aber auch dadurch, daß das Gebäude durch die Beschädigung von Fenstern und Dächern sehr der Witterung ausgesetzt war. In den sechziger Jahren schließlich gab es eine einschneidende Erweiterung: es wurden die Internatsgebäude errichtet, so daß eine zeitgemäße und angenehmere Unterbringung der Internatsschüler in Ein- und Zweibettzimmern möglich war.

Anfang der siebziger Jahre wurden moderne naturwissenschaftliche Fachräume neu errichtet und Klassenräume im Bereich der ehemaligen Internatsräumlichkeiten geschaffen. Die Restaurierungs- und Umgestaltungsmaßnahmen der sechziger und frühen siebziger Jahre sind allerdings oft zu Lasten der kunsthistorisch interessanten Substanz gegangen, vielmehr nur nach Wirtschafts- und Zweckmäßigkeitsgesichtspunkten vorgenommen worden. So wurden die Jugendstilfenster und die Orgel in der Aula entfernt, ebenso die Wand- und Deckengemälde im Eingangsfoyer, oder die Mittelfassade wurde durch den Einbau eines Betonrisalits verunstaltet. Somit sind bedauerlicherweise traditionelle Teile des Hauses verlorengegangen. Ein Relikt ist beispielsweise noch erhalten geblieben und steht im Foyer, nämlich ein Teil des Jugendstilfensters.

Die Schule

In den neunziger Jahren wurde eine Reihe von Veränderungen vorgenommen: Speisesaal und Internatsküche wurden modernisiert, ein Informatikraum eingerichtet sowie größere Räumlichkeiten für die Bibliothek im Seitenflügel bezogen. Im Zuge der steigenden Schülerzahlen müssen immer mehr Klassenräume in Randbereiche verlegt werden, so etwa in die Glashalle zwischen den Internatsgebäuden oder in Seitenflügel, wo Lehrerwohnungen frei geworden sind. Insgesamt haben wir durchaus mit einer Raumnot zu kämpfen, die zu Notlösungen zwingt, zu gelegentlich etwas längeren Wegen. Nicht immer sind die Unterrichtsräume von Zuschnitt und Größe her ideal, doch ich denke, die damit verbundenen Mühen werden durchaus durch die in ihrer äußeren Erscheinung prächtige Schule aufgewogen. So darf ich abschließend bekennen, daß ich nicht nur, aber auch wegen dieses Gebäudes sehr gern hier Lehrer bin.

Dr. Christoph Fichtner