„Es war ein richtiges Experiment ...“

Interview mit Eike Besuden

 

 
   

 

Online-Redaktion: „Guten Tag Herr Besuden. Zunächst einmal zur Stadt Leer.

Sie sind hier zur Schule gegangen?“

 

Besuden: „Ja, ich war auf dem heutigen Ubbo-Emmius Gymnasium. Da waren aber noch keine Mädchen auf der Schule. Damals waren die Geschlechter noch getrennt, es gab hier in Leer ein Gymnasium für Jungen und ein Gymnasium für Mädchen.“

 

Red.:„Wann haben Sie Abitur gemacht?“

 

Besuden:„Ich habe 1970 Abitur gemacht. Das Abitur habe ich aber nicht in Leer gemacht, sondern in Emden. Ich bin nach der 12 Klasse, also 1968 vom Gymnasium für Jungen abgegangen.“

 

Red.:„Und ich habe gehört, Sie waren mit Albrecht Radtke (Lehrer am Ubbo-Emmius Gymnasium) in einem Jahrgang?“

 

Besuden:„Stimmt. Wir waren teilweise auch zusammen in einer Klasse. Ich erinnere mich noch gerne, wir habe viele schöne gemeinsame Feten gehabt. Seinen Bruder kenn ich noch gut. Er hat ja noch einen etwas älteren Bruder, der jetzt in der Nähe von Bremen wohnt. Der ist auch Lehrer. Die musikalische Strecke hat Albrecht bedient, in der Familie.

Ansonsten muss ich sagen, dass die Schulzeit für mich eine schwere Zeit war. Es war noch ziemlich streng damals, ich sag mal nicht so freundlich auf Schüler ausgerichtet. Die sind damals noch ein bisschen ruppiger mit Schülern umgegangen. Ich denke, heute geht es den Leuten besser in der Schule.“

 

Red.:„Die Schulzeit hat Ihnen also nicht so gefallen ...“

 

Besuden:„Nein, es war nicht meine Zeit. Danach, im Studium, wurde es schon besser. Wir hatten dann  ein paar mehr Freiheiten. Ende meiner Schulzeit war 1968, 12. Klasse, wo die Leute sowieso auf die Straße gegangen sind und alles ein bisschen aufbrach. Und während des Studiums dann, Anfang der siebziger Jahre, das war wirklich schon eine andere Zeit als die zehn Jahre davor.“

 

Red.:„Wie alt sind Sie?“

 

Besuden:„Ich bin 54.“

 

Red.:„Wie sind Sie zum Film gekommen?“

 

Besuden:„Ich hab angefangen nach dem Studium bei Radio Bremen zu arbeiten. Zuerst im Jugendfunk als freier Mitarbeiter und dann später in anderen Redaktionen. Parallel dazu hab ich auch noch als Lehrer in der Schule gearbeitet, ich bin ausgebildeter Lehrer. Dann musste ich mich irgendwann einmal entscheiden, entweder Schule oder Radio, und dann bin ich ganz zum Radio gegangen. Ich hab dann einige Jahre nur beim Radio gearbeitet und bin dann vom Radio zum Fernsehen gegangen, zum Regionalfernsehen von Radio Bremen. Dort habe ich den ganz normalen journalistischen Job gemacht, sowohl vor der Kamera als auch hinter der Kamera. Ich hab auch Sendungen moderiert, zum Beispiel auch „buten un binnen“, ich weiß nicht ob das hier bekannt ist: Das ist die Regionalsendung von Radio Bremen. Was bei N3 „Hallo Niedersachsen ist, ist bei Radio Bremen „buten un binnen“. Dort habe ich moderiert und Beiträge gemacht, halt alles was man da machen kann. Und dann hab ich in der Zeit angefangen, auch mal längere Filme zu machen: Features, mal dreißig Minuten, mal 45 Minuten...und so bin ich dann immer mehr in die längeren Formate gekommen, habe mich ganz langsam weiterentwickelt. Ja, und jetzt vor zwei Jahren halt den ersten Spielfilm „Verrückt nach Paris“.

Das war auch ein richtiges Experiment, mit behinderten Leuten einen Film zu machen. Nicht nur, dass die irgendwie dabei sind, sondern dass die wirklich Hauptrollen übernehmen. Wir wussten ja nicht, ob das funktionieren würde oder nicht funktionieren würde und dass das wirklich auch so wird, dass das Leute gucken wollen, das weiß man ja vorher auch nicht. Da denkt man sich was aus und weiß eigentlich gar nicht, ob der Film so angenommen wird.“

 

Red.:„Von wem stammt das Buch?“

 

Besuden:„Das habe ich zusammen geschrieben mit einem Regisseur, der sehr viel Theaterarbeit mit Behinderten gemacht hat, Pago Balke, mit dem hab ich die Idee entwickelt, das Buch geschrieben und wir haben dann auch zusammen die Regie gemacht.“

 

Red.:„Wie lange dauerte es den Film zu drehen?“

 

Besuden:„Wir haben 33 Tage gedreht, also wir haben diesen Spielfilm ungefähr zwei Jahre vorbereitet. So etwas dauert sehr lange, also nicht nur das Buch zu entwickeln, sondern auch die Schauspieler zusammenzusuchen, einen Stab zusammenzusuchen, die Leute, die dann die Kamera machen, die Maske machen, die Kostüme machen, Licht u.s.w. Wenn wir an so einem Drehtag ans Set kommen, dann laufen da 30, 40 Leute rum. Dann musste auch immer jemand dafür sorgen, dass es für so viele Leute auch immer was zu essen und zu trinken gab. So etwas ist ganz spannend ...“

 

Red.:„Für wen ist dieser Film bestimmt gewesen?“

 

Besuden:„Behinderte wissen, wie es ihnen geht. Wir Nichtbehinderten wissen das weniger. Wir trauen uns ja auch eher nicht zu fragen, was in ihnen vorgeht. Das ist eigentlich ein Film gewesen, den ich für die anderen gemacht habe, der eigentlich die Scheu ein wenig nehmen sollte. Wenn Frank da sitzt und sagt. „Guten Tag!“, dann weiß ich ja zuerst gar nicht, wie sag ich ihm jetzt „Guten Tag!“ Darf ich die beiden Stummel da jetzt anfassen, die da aus seiner Schulter wachsen oder darf ich das nicht. Das ist halt etwas, womit man nicht jeden Tag zu tun hat, wo man erst mal überlegen muss. Ich glaube, dass der Film dann doch auch Scheu nehmen kann.“

 

Red.:„Gab es Probleme beim Dreh?“

 

Besuden:„Eigentlich nicht. Wir haben einen Kurzfilm vorweg gedreht. Wir haben gesagt, wir drehen jetzt nicht den langen Film und es passiert irgendwas, woran wir vorher nicht gedacht haben, was dann teuer werden kann. Deshalb haben wir uns gedacht, wir machen einen Kurzfilm von 5-6 Minuten Dauer mit den gleichen Leuten, die beim großen Film auch dabei sein würden, dass wir die ganze Maschinerie für ein paar Tage mal richtig hoch laufen lassen, um auch ein Gefühl dafür zu entwickeln, was da passiert und woran man denken muss bei dem großen Film. Da haben wir dann auch noch einige Fehler richtig ausmerzen konnten, Fehler, die wir dann bei dem großen Film nicht mehr machen würden.

Es war auch nahezu mit der gleichen Crew: Sowohl die drei Hauptdarsteller und auch Dominique Horowitz waren dabei, sodass wir auch schon mal das Spiel derer miteinander sehen konnten und wir haben dann natürlich versucht, herauszufinden, inwieweit wir die Hauptdarsteller belasten können, wie lange wir sie belasten können, wann wir Pausen machen müssen. Und das war ganz gut.“

 

Red.:„Wie sind Sie eigentlich darauf gekommen, mit Behinderten einen Film zu drehen?“

 

Besuden:„Ich habe vorher schon eine ganze Reihe von Dokumentationen gemacht über diese sehr spezielle Behindertenszene in Bremen. Die arbeiten dort auf eine ganz, ganz tolle Weise mit Behinderten im Freizeitbereich, die machen Theater, die machen Musik, die machen Ausflüge, die haben sogar eine eigene Band, also wirklich klasse, tolle Sachen machen die dort und über diese Arbeit habe ich damals, als ich noch bei „buten un binnen“ gearbeitet habe, öfters berichtet und kleinere Filme gemacht. Ich hab gelernt, wie charmant diese Leute sind, was man mit ihnen machen kann, wie gut sie rüberkommen, wie sie einen zum lachen bringen können. Dann hab ich das immer mehr entwickelt und das größte Ergebnis ist jetzt dieser Film, wo man sich 90 Minuten unterhalten lassen kann wie in jedem anderen Film auch und hinterher auch das Gefühl hat, man hat mal was Besonderes und Neues gesehen, was einem nicht so geläufig ist.“

 

Red.:„Sie können sich also vorstellen, weitere Filme zu machen...“

 

Besuden:„Ja. Das muss zwar nicht gleich der nächste sein, ich will in meinem Leben nicht nur Filme mit Behinderten machen, aber ich werde sicherlich wieder dazu kommen, so einen Film zu machen.“

 

Red.: „Herr Besuden, ich danke für das Interview."

Das Interview führte Claudia Siemer