Die Geschichte vom Überraschungsei

Praxisbericht von Maria Plaggenborg

Copernicus Gymnasium Löningen

Medienbildung ist heutzutage aus dem Schulbereich nicht mehr wegzudenken. Viele Schulen haben mittlerweile die klassische Schülerzeitung durch ein digitales Format ersetzt oder bieten journalistisches Arbeiten als Seminarfach an – am Copernicus Gymnasium Löningen gibt es das noch nicht. Daher reiche ich ambitioniert im März 2020 meine Bewerbung für das Projekt „n-report digital“ ein, um nicht nur mich, sondern vor allem die Schülerinnen und Schüler in diesem Bereich weiterbilden zu können.
Das Projektthema der Bewerbung lautet: „Jugend am CGL – Menschen, Bilder, Emotionen angesichts der Corona–Pandemie“. Zu dieser Zeit sind bereits Schulen und Kitas geschlossen, die Eltern arbeiten im Homeoffice, Schülerinnen und Schüler lernen von zu Hause aus. Hinzu kommt eine Kontaktsperre, die das Leben gerade für die Jugendlichen tiefgreifend verändert. Der gemeinsame Schulunterricht, das Treffen mit Freunden am Nachmittag, der gemeinsame Kinobesuch, ein freundliches persönliches Gespräch, dies alles ist nicht möglich. Soziale Kontakte werden aktuell über die sozialen Medien aufrechterhalten. Ebenso kommt den Nachrichten in diesen Tagen eine immense Bedeutung zu. Das, was unser Leben momentan so nachhaltig verändert, sollte gemeinsam im Deutschunterricht thematisch und persönlich ein Stück weit aufgearbeitet werden.
So ist der Plan …
Dass diese Krise jedoch bei Weitem länger anhalten und unser Leben weitaus nachhaltiger prägen würde, ist mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. Es wird jedoch zunehmend deutlich, dass das Virus allen Projektgedanken einen Strich durch die Rechnung macht.
Jetzt, über ein Jahr später, ist von dem ursprünglichen Projektthema eine völlig neuartige Version entstanden: „Der Poetry Slam als Literaturprojekt in Zeiten von Homeschooling, Kontaktsperre und medialer Kommunikation“. Mittlerweile sind meine Schülerinnen und Schüler und ich durchaus routiniert im täglichen Homeschooling, die mediale Erfahrung wächst stetig. Gleichzeitig schwindet jedoch die Motivation seitens der Jugendlichen, sich neue Inhalte anzueignen. Daher stelle ich mir die Frage: Wie kann auch im Homeschooling wieder Motivation erzeugt werden? Woran hat die Lerngruppe Interesse?

Wir veranstalten einen (digitalen) Poetry Slam!

Plötzlich kommt der Gedanke einer kreativen Umsetzung unseres aktuellen Unterrichtsthemas „Motive der Lyrik“. Motivation wird durch kreatives, produktorientiertes Arbeiten gefördert – ergo veranstalten wir einen Poetry Slam!
Ambitioniert erstelle ich eine PowerPoint-Präsentation zum Projekt und präsentiere meiner Klasse die Idee per Videokonferenz. Völlig begeistert berichte ich ihnen davon…
Zunächst erntet die Projektidee jedoch nur verhaltene Reaktionen seitens der Schülerinnen und Schüler: „Äh, das soll Spaß machen?“ „Schon wieder ein Referat?“ So oder so ähnlich lauten die Reaktionen. Es dauert eine Weile und es benötigt vor allem Erklärungsarbeit, bis alle das Ziel verstanden haben.

Individuelles Arbeiten nach eigenen Interessen und freie Wahl bei der Gestaltung

Normalerweise finden schulische Projekte in einem festgelegten Rahmen statt. Entweder ist das Thema vorgegeben oder aber die Umsetzungsmethode oder auch beides. Nicht aber bei diesem Projekt. Die Jugendlichen können nach eigenen Interessen Themen bearbeiten und sind ebenfalls frei bei der Umsetzung. Die einzigen beiden Grundbedingungen für die Umsetzung sind, dass sie sich an den poetischen Vorgaben orientieren sowie die Gestaltungsmethode (z. B. Print, Video, Podcast) bereits bekannt ist, sie also zuvor Erfahrungen dazu sammeln konnten.
Diese plötzliche Freiheit bei der Projektidee ist für die Schülerinnen und Schüler zunächst eher verwirrend. Einige brauchen sehr lange, bis sie sich auch nur annähernd für ein Projekt entscheiden können und die Unterstützung per Videokonferenz ist auch eher suboptimal.
Mir schießt durch den Kopf: Dieses Projekt wird mit Pauken und Trompeten untergehen.
Doch dann kommt endlich der lang ersehnte Wechselunterricht!
An ihren Präsenztagen in der Schule wird von der einen Hälfte der Lerngruppe fleißig an der Einheit zur Lyrik gearbeitet. Fragen zum Poetry Slam können geklärt werden. Die Klassenhälfte, die sich an diesen Tagen im Homeschooling befindet, kann individuell an ihren Projekten arbeiten.
Die Spannbreite der Themen überrascht mich sehr, vom Erklärvideo über den Wels im Stil der „Heute-Show“, über das Leben während der Corona-Pandemie als pubertierender Jugendlicher oder auch emotionale Texte über Rassismus und Depressionen sollen produziert werden. Auch für mich als Lehrkraft ist diese Projektsituation völliges Neuland. Normalerweise begleitet man die Lerngruppe während einer Projektphase intensiv bei der Erstellung ihrer Formate. In diesem Falle sind die Schülerinnen und Schüler über weite Strecken auf sich allein gestellt.

So wird der Poetry Slam für alle zum Überraschungsei

Am Tag des Battles sind alle nervös. Für den Wettkampf werden alle Schülerinnen und Schüler zunächst in Gruppen aufgeteilt, in denen sie gegeneinander antreten sollten: Ein Gruppensieger muss ermittelt werden. Dazu gibt es ein Punktesystem in drei verschiedenen Kategorien: (mediale) Präsentation, Vortrag, inhaltliche Darstellungsleistung. Derjenige, der die meisten Gesamtpunkte erzielt, ist automatisch Finalist. In der Finalrunde werden die Beiträge der Gruppensieger jetzt der gesamten Klasse präsentiert. Das Bewertungssystem bleibt das gleiche, allerdings wird der Sieger jetzt mittels Applauses ermittelt. Die Beiträge sind so verschieden, wie sie nur sein können: ein thematisch sehr ernster poetischer Beitrag über Rassismus, ein Beitrag über die Leidenschaft für das Zeichnen, über das Leben während der Corona-Pandemie und weitere. Einer besser als der andere. Wir alle sind wirklich beeindruckt und auch emotional berührt.

Die Battles beginnen, Foto: Maria Plaggenborg


Und wie sieht es rückblickend seitens der Schülerinnen und Schüler aus? Ziemlich einstimmig bekomme ich die Rückmeldung, dass die Beantwortung der Fragen Was? und Wie? das schwierigste am Projekt gewesen sei. „Dadurch, dass wir so gut wie nichts vorgegeben bekommen haben, war es schwierig, sich zu entscheiden. Aber als ich mich dann erst einmal für ein Thema entschieden habe, hat die Arbeit richtig viel Spaß gemacht“, sagt eine Schülerin. Durch den sehr offenen Rahmen sind einige zunächst überfordert, können sich schwer für ein Thema entscheiden. Aber als dann der sprichwörtliche Knoten geplatzt ist, hat die Arbeit an diesem Projekt sehr zur Motivation beigetragen. Die Schülerinnen und Schüler berichten mir über ihren Einsatz während der Projektarbeit, über Erfolge und Misserfolge, z. B. über die verzweifelte Suche nach verlorenen Dateien. Und ich merke: In der Homeschooling-Zeit hat vor allem das persönliche Miteinander, das Gespräch gefehlt. Über dieses Projekt sind wir alle wieder ein kleines Stück näher zusammengerückt. Und auch die Ergebnisse können sich sehen lassen.
Alles in allem muss ich konstatieren: Dieses Überraschungsei hat sich gelohnt!

Zur Person

Maria Plaggenborg unterrichtet am Copernicus Gymnasium in Löningen die Fächer Deutsch und katholische Religion. Zudem leitet sie die Fachgruppe Deutsch.

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Letzte Änderung: 17.10.2021

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